Netanyahu: Rarer Wählerkontakt

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Israel-Wahl
03/14/2015

Bibi wie Sesamöl: "Zu den Ohren raus"

Premier Netanyahu droht Niederlage; wer gewinnt, entscheiden erst die Koalitions-Verhandlungen.

von Norbert Jessen

Wo ist Bibi? Als Premier reiste Benjamin Netanyahu bis Washington. Als Wahlkandidat macht er sich rar. Im Straßenkontakt mit den Wählern, aber auch in den Medien. Dem Kanal 10 sagte er ein Interview ab, als der einen unerwünschten Befrager nicht austauschte. Drei Tage vor den Wahlen vergrößerte sich der Vorsprung der Sozialdemokraten auf vier Mandate. Was viel ist, aber im Zickzack israelischer Politik nicht uneinholbar. "Eigentlich hat Bibi die Wahlen noch nicht klar verloren", meinte ein Interviewer nach dem Gespräch, "aber seine Selbstsicherheit schon".

So kam es auch in den Interviews rüber: Netanyahu überzeugte nicht, er wich ab: "Erst die Zukunft wird zeigen, was ich tatsächlich geleistet habe." Ein Interviewer meinte: "Bibi gab kein Wahlkampf-Interview, er hielt seinen eigenen Nachruf."

"Wir haben verloren"

Letzte Woche traf der Premier sich mit handverlesenen Funktionären seiner Likud-Partei in einem Hauszirkel in Holon bei Tel Aviv. Die Parteifreunde waren schockiert, als sie aus Netanyahus Munde hörten: "Wir haben verloren. Ihr habt keine Ahnung, was auf uns zukommt." Jeder weiß: Keiner kann so genau Israels politische Landkarte lesen wie Netanyahu.

Sein Wahlkampf läuft nicht. Neue Wähler werden nicht mobilisiert. Die alten verlieren die Begeisterung. Sogar auf dem Jerusalemer Markt, einer Hochburg des Likud. Beim traditionellen Wahlkampf-Besuch lief Netanyahu im Sturmschritt und abgeschirmt von den Passanten die Standreihen ab. Ohne laute Buh-Rufe, aber auch ohne Jubel. Ein Salat-Verkäufer sah kaum hin. "Das ist wie mit Sesam-Soße", meinte er, "früher hab ich sie zu allem gegessen. Heute kommt sie mir zu den Ohren raus".

In Umfragen geben viele Likud-Traditionswähler zu, dass sie diesmal Mosche Kachalon wählen. Ein junger und dynamischer Ex-Likud-Abgeordneter, der mit seiner neuen Kulanu-Partei Sozialreformen verspricht. Sie sind den Wählern diesmal wichtiger als Iran, Gaza oder Islamischer Staat. Als Minister reduzierte Kachalon die Preise für Handy und Internet um mehr als die Hälfte. Netanyahu stellte danach den allzu erfolgreichen Konkurrenten ins kalte Eck.

Vorsprung der Linken

Jetzt stellt Kachalon immer wieder klar: Im Koalitionsgefeilsche, das allen Wahlen folgt, bleibt er nach allen Seiten offen. Der Likud hat keinen Bonus, Netanyahu schon gar nicht. Er ginge auch mit dem Zionistischen Lager. So gezielt national nennt sich diesmal das sozialdemokratische Bündnis. Mit gleich zwei Spitzenkandidaten. Jizchak Herzog und Zipi Livne würden ihren Vorsprung gerne noch ausbauen. Vorläufig aber lautet die Devise Abwarten: "Nur keinen Fehltritt in letzter Minute."

Wie immer in Israel wird sich erst nach dem Wahltag im Gerangel um Koalitionspartner zeigen, wer die Wahlen gewonnen hat. Nicht eine vereinzelte Partei entscheidet, sondern die Blöcke tun es. Links oder Rechts? Wobei es diesmal nicht nur für den Likud, sondern auch für den Block rechts von ihm schlecht aussieht.

Die religiös-nationale Habait Hajehudi (Jüdisches Haus) sah sich schon als neues Auffangbecken auch säkularer Rechtswähler. Ihr charismatischer Vorsitzender Naftali Bennett sah sich schon selbst als Premier-Kandidat, nachdem er prominente nichtreligiöse Persönlichkeiten in seine Liste gelockt hatte. Aber der alte Partei-Apparat stellte sich quer. Letztlich blieb die Partei was sie war: Konservativ mit homophoben Obertönen und Siedler-Lobby.

Besser steht die liberale Zukunftspartei des Ex-TV-Moderators Yair Lapid da. Überhaupt: Hier in der Mitte und bei den religiösen Parteien spielt die Musik. Die kleinen Parteien fordern die Großen zum Koalitionstanz auf. Es sei denn, Likud und das Zionistische Lager spielen den Wiener Walzer: Beide haben der österreichischen Lösung einer großen Koalition keine Absage erteilt.

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