Politik | Ausland
21.12.2017

Wahl zwischen zwei unversöhnlichen Welten

Die heutigen Wahlen zum Regionalparlament sind ein Duell zwischen Separatisten und Pro-Spaniern, eine KURIER-Reportage aus beiden Welten.

An normalen Tagen hat Ivorra gerade einmal 100 Einwohner, doch kürzlich kamen auf einen Schlag 50 Besucher dazu – und die waren schwer bewaffnet und ziemlich unfreundlich. "Sie sind angerückt in voller Montur, Helm, Schild, Tränengas", erzählt Bürgermeister Jordi Ribek in seinem charmant unbeholfenen Spanisch dem KURIER vom Tag der Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Kataloniens, als die spanische Guardia Civil anrückte, um die Wahlurne mitzunehmen. Schließlich hatte ja Madrid das Referendum für illegal erklärt.

Seither sind mehr als zwei Monate vergangen, doch an der Haltung von Jordi und seinen unbeugsamen Miteinwohnern hat sich nichts geändert. Warum auch, schließlich ist man stolz darauf, das am meisten auf die Unabhängigkeit erpichte Dorf in ganz Katalonien zu sein. Gerade eine Stimme gab es bei den letzten Regionalwahlen 2015, die nicht auf eine Partei der Separatisten entfiel. Und heute bei den Wahlen, davon ist der Schweinezüchter Jordi überzeugt, wird es nicht anders sein.

Bruch mit Madrid

Sein Idol ist der von Madrid abgesetzte Regionalpräsident Kataloniens, Carles Puigdemont. Er hat ihn sogar im Exil in Brüssel besucht, gemeinsam mit einer Truppe gleichgesinnter Bürgermeister aus den Bergen Kataloniens. Denn hier oben spricht man nicht nur ausschließlich Katalanisch, lässt die Fahne des unabhängigen Katalonien, die Estelada, von jedem Kirchturm und den Zinnen alter Burgruinen wehen, man hat auch mit Madrid endgültig gebrochen, und gibt der konservativen Regierung dort die Schuld. "Wie oft sind wir mit unseren Forderungen nach mehr Eigenständigkeit dort angerückt", berichtet Jordi über die Initiativen, an denen er mitgearbeitet hat, "und was haben wir von Madrid als Antwort bekommen? Nichts außer Nein, nein, nein. Die wollen gar nicht mit uns reden."

Wer da mit wem nicht reden will, das sieht Antonio Balmon ganz anders. Der Sozialdemokrat hat auch eine Gemeinde zu verwalten, die von Ivorra gerade eine Stunde Autofahrt, aber dennoch eine halbe Welt entfernt ist. Cornella ist eine Industriestadt, die inzwischen an Barcelona angewachsen ist: Fabriken, Autobahnen und turmhohe Wohnsilos. In ihnen wohnen Menschen, die sich bis heute laut Umfragen eher als Spanier als als Katalanen fühlen. Die meisten von ihnen sind Zuwanderer aus dem armen Süden Spaniens oder die Kinder dieser Gastarbeiter, die in den 1970-er-Jahren hierher kamen, weil es in Katalonien Industrie, Jobs und eine Zukunft gab.

Für uns oder gegen uns

Deren Grundgefühl vor und an diesem Wahltag fasst Bürgermeister Antonio in ein paar ebenso pessimistischen wie einprägsamen Sätzen zusammen: "Die Separatisten haben keinen Respekt für die Menschen hier – und kein Verständnis. Für die gibt es nur ein ‚Ihr seid für uns, oder ihr seid gegen uns’." Die angeblich offene, multikulturelle Utopie einer unabhängigen Nation Katalonien könnten viele seiner Bürger nicht glauben: "Die fühlen sich mit ihrem Lebensgefühl, ihrer Herkunft, ihrer Sprache plötzlich ausgegrenzt."

In Cornella werden auch diesmal voraussichtlich mehr als 70 Prozent jene Parteien wählen, die für den Verbleib bei Spanien eintreten. Das sind neben Balmons Sozialdemokraten vor allem die eigentlich bürgerlich-liberalen Ciudadanos. Doch deren Spitzenkandidatin Ines Arrimadas hat auf ihren Wahlkampfveranstaltungen das Grundgefühl der Menschen in Cornella und ähnlichen Industriestädten am besten getroffen. Sie ist selbst Kind spanischer Gastarbeiter, erzählt über ihr Herz, von dem ein Teil immer noch in Andalusien wohnt, und hat im Wahlkampf vor allem eine Botschaft angebracht: Man solle doch endlich Schluss machen mit diesem affigen Unabhängigkeits-Theater und sich den wirklichen Problemen Kataloniens und seiner Menschen widmen.

Von diesen Problemen hat auch der Bürgermeister einiges zu berichten, hat doch die Wirtschaftskrise vor allem die Arbeiter und den Mittelstand in Katalonien getroffen. Die Separatisten, ärgert er sich, "haben den Streit um die Unabhängigkeit und diesen Nationalismus nur hochkochen lassen, damit die Menschen davon abgelenkt sind, was hier wirklich falsch läuft: Bildung, Gesundheit, und natürlich die grassierende Korruption". Was die Separatisten tatsächlich geschafft hätten, formuliert der Sozialdemokrat drastisch und bitter: "Das Gefühl der Zusammengehörigkeit in Katalonien zu zerstören."

Ein Eindruck, der sich in unzähligen Gesprächen auf der Straße verdichtet. Jeder hier hat eine Geschichte zu erzählen, von Freunden, Paaren, die gar nicht mehr miteinander reden, oder zumindest sicher nicht über Politik. Eine Eskalation, zu der auch die Regierung in Madrid mit ihrer übertriebenen Härte beitrug. Eine Stimme für die Separatisten abzugeben, erzählen Bürger in Barcelona, habe für sie nur einen Grund: "Weil ich nicht will, dass Mariano Rajoy (Spaniens Premier) den Sieg davonträgt."

Die Spaltung in der katalanischen Gesellschaft ist tief und langfristig, das ist auch die pessimistische Analyse von Klaus-Jürgen Nagel, Politologe an der Universität Barcelona: "Kurzfristig gibt es auch nach diesen Wahlen keine Lösung. Kompromisse, wie man sie zwischen Katalonien und Spanien früher gefunden hat, sind jetzt nicht mehr möglich – diese Uhr lässt sich auch nicht mehr zurückdrehen."