Politik | Ausland
13.08.2018

Vom Diktaturopfer zur UN-Menschenrechtskommissarin

Die chilenische Ex-Präsidentin Michelle Bachelet erhält zu ihrem Amtsantritt Vorschusslorbeeren und kritische Stimmen

Sie steht für eine der wohl ungewöhnlichsten Karrieren in der lateinamerikanischen Politik. Michelle Bachelet (66), Kinderärztin, Diktaturopfer und zweimalige Präsidentin Chiles, wird neue UN-Menschenrechtskommissarin und damit so etwas wie die Oberaufseherin über die Menschenrechte auf diesem Planeten. Bachelet hat am eigenen Leib erlebt, was es heißt, Opfer einer Diktatur zu werden. „Mein Kopf steckte in einer Kapuze und man hat mich beleidigt, bedroht, auch mal geschlagen. Aber der Grill ist mir erspart geblieben“, berichtete Bachelet einmal über die Erfahrungen während der chilenischen Militärdiktatur, als die Chargen von General Augosto Pinochet Jagd auf Sozialistinnen wie Bachelet machten.

Der Grill war ein gefürchtetes Foltergerät: ein Bettgestell für Elektroschocks. Ihr Vater, loyal zum sozialistischen Präsidenten Salvador Allende stehend, hatte weniger Glück: Er wurde nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 inhaftiert und starb an den Folgen von Folter. Bachelet ging ins Exil in die DDR. Am Herder-Institut der Universität Leipzig lernte sie Deutsch. An der Humboldt-Universität zu Berlin studierte sie Medizin.

Zurück in Chile machte die Kinderärztin und Atheistin als Politikerin Karriere: Erst als Verteidigungsministerin, später als Präsidentin. Ihre erste Präsidentschaft 2006 bis 2010 galt als die erfolgreichste Zeit. Eine Frau und Sozialistin an der Spitze eines einst von brutalen Militärs geführten Landes war der sichtbare Wendepunkt in der chilenischen Geschichte. Weil die chilenische Verfassung nur eine Amtszeit zulässt, musste sie bis 2014 auf ihre zweite Kandidatur warten. Wieder ein strahlender Wahlsieg. Doch danach litt ihr Ruf im eigenen Land. Schuld war ein Korruptionsskandal in der eigenen Familie. Auch im Umgang mit den Mapuche, den chilenischen Ureinwohnern, werfen ihr Kritiker vor, sie habe nur auf Schlagzeilen, aber nicht auf wirkliche Veränderungen hingearbeitet.

Auf linkem Auge blind?

Für das im Namen des chilenischen Staates begangene Unrecht entschuldigte sich Bachelet bei den Indigenen. Ihre Kritiker werfen ihr aber vor, wegen ihrer DDR-Zeit gegenüber Linksdiktaturen in Nicaragua, Venezuela und Kuba zu nachsichtig, also auf dem linken Auge blind zu sein. Dass die ersten Glückwünsche zur neuen Aufgabe aus Caracas und Havanna kamen, überrascht deshalb nicht. Zu Raul und Fidel Castro verband sie eine persönliche Freundschaft, obwohl die Castros in den ersten Jahren der Revolution zu den gleichen Menschenrechtsverletzungen griffen, wie die Pinochet-Diktatur.

Die US-Botschafterin bei der UNO, Nikki Haley, schickte deshalb einen bittersüßen Gruß: Sie hoffe, dass Bachelet ihre Stimme gegenüber den Menschenrechtsverletzungen in Kuba, Venezuela und im Iran erhebe.

Tobias Käufer, Bogota