Politik | Ausland
29.10.2017

"Viva España": Großdemo für Einheit Spaniens

Die Separatisten verlieren in der Wählergunst. Wird der entmachtete Regionalpräsident festgenommen?

Zahlreiche Hubschrauber kreisen lärmend über dem Stadtzentrum von Barcelona, die Polizei ist präsent, hält sich aber zurück. Hunderttausende strömten Sonntagnachmittag in die katalanische Hauptstadt, um für die Einheit Spaniens zu demonstrieren.

Laut singen die Gegner der Unabhängigkeit auf der Plaça de Catalunya das bekannte Lied "Y Viva España". Spanische Fahnen in ihrem leuchtenden Rot und Gelb werden geschwungen.

Zur friedlichen Demonstration hat die prospanische Sociedad Civil Catalana aufgerufen, die für ein friedliches Zusammenleben und für Versöhnung in Katalonien eintritt.

"Ich bin hier, weil es um meine Zukunft geht. Ich will doch nicht in einem Kleinstaat leben, isoliert von der ganzen Welt", sagt der Architekturstudent Jordi Ramírez und definiert sich als "Katalane, Spanier und Europäer". Er und seine Freunde tragen auch das blaue Sternenbanner der EU.

Viel Wut

Die Stimmung ist ausgelassen, bei strahlendem Wetter erscheint die Demonstration als riesiges Volksfest, an dem Jung und Alt sowie Familien mit ihren Kindern teilnehmen.

Spricht man aber etwas länger mit den Demonstranten, kommt viel Wut, Empörung und Zorn zum Vorschein. "Die Anderen", das sind die Separatisten, die Leute um den eben abgesetzten und entmachteten Regierungschef von Katalonien, Carles Puigdemont.

"Die wollen unser Land zerstören, wir haben schon viele Jobs verloren. Viele Firmen und Banken ziehen weg", beschwert sich ein älterer Herr, der aus Girona, der Hochburg der Separatisten und der Heimatstadt von Puigdemont, angereist ist.

An der Gruppe der Puigedemont-Gegner schleichen sich stumm und starr blickend einige junge Burschen und Mädchen vorbei. Auf ihren Transparenten steht: "Staatsstreich" und "Verschwindet".

"Bürgerkrieg"

Seitdem Madrid die autonome Gemeinschaft Katalonien am Samstag unter Zwangsverwaltung gestellt, Puigdemont, die obersten Polizeichefs und hohe Beamte abgesetzt hat, reden Separatisten immer häufiger vom "Bürgerkrieg" Madrids gegen die Katalonen. Sie finden es rechtens, dass die knappe Mehrheit der Abgeordneten des Regionalparlaments (die Opposition nahm an der Abstimmung nicht teil) am Freitag die Unabhängigkeit beschlossen hat.

Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy beauftragte danach seine Vize Soraya Sáenz de Santamaría mit der Übernahme der täglichen Amtsgeschäfte in der Region und der Kontrolle strategischer Einrichtungen wie Airport, Häfen und Nationalbank durch die Guardia Civil.

"Wir werden uns das nicht gefallen lassen", erklärt ein glühender Separatist "Ich bin für die Unabhängigkeit, und wir werden unser Projekt durchziehen. Die Korruptionisten aus Madrid sollen sich schleichen. Wir arbeiten hier hart, und sie verschleudern unser Geld", empört sich der Autobuslenker António. "Ich hasse die Spanier nicht, aber sie sollen uns in Ruhe lassen", fügt er noch hinzu.

Umfragen, die von einer leichten Mehrheit gegen die Unabhängigkeit und einem Vertrauensverlust für Puigdemont ausgehen, sind für ihn "eine Farce", "Lügenpresse".

Schwindende Zustimmung

Laut einer von der Tageszeitung El País in Auftrag gegebenen Umfrage unterstützen 41 Prozent der Katalanen eine einseitige Unabhängigkeitserklärung, wie sie am Freitag vollzogen wurde. Gäbe es die Möglichkeit eines dritten Weges – den Verbleib in Spanien mit erweiterter Autonomie – wäre dies jedoch mit 46 Prozent die favorisierte Lösung. 52 Prozent der Befragten halten Neuwahlen für den "besten Weg aus der Krise".

Das konservative Blatt El Mundo veröffentlichte gestern eine Umfrage, wonach bei Wahlen die Gegner der Unabhängigkeit knapp vorne liegen würden (43,5 Prozent) und die Befürworter bei 42,5 Prozent.

Was passiert am Montag?

Gespannt warten alle auf den Montag, den ersten Arbeitstag nach der Verhängung der Zwangsmaßnahmen, dem Inkrafttreten des sogenannten Artikels 155 der spanischen Verfassung.

Kommt Puigdemont ins Amt? Er sieht sich noch als "Präsident". Medien spekulieren, dass er festgenommen und wegen Rebellion angeklagt werden könnte. Kommt es dann zu Zusammenstößen? Madrid schweigt vorerst.