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Politik Ausland
10/28/2019

Viele Fragen um Baghdadis Tod und die dubiose Rolle der Türkei

Die Umstände des Todes des IS-Chefs werfen ein Licht auf die türkisch-amerikanischen Beziehungen - und sind voll von Rätseln.

von Stefan Schocher

Zwei Tage nach Verlautbarung des Todes von IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi keimen die Fragen. Und es ist die Fülle an Details, die US-Präsident Donald Trump in seiner Pressekonferenz am Sonntag präsentierte, die Rätsel aufgeben.

Auf die Spur des Top-Terroristen war der US-Geheimdienst CIA anscheinend vor allem über Hinweise irakischer Stellen und seitens kurdischer Quellen im Irak sowie des Geheimdienstes der syrischen Kurden gekommen. Kurdischen und US-Quellen zufolge seien entlang der Reiserouten des Top-Terroristen systematisch Beobachter postiert worden, die die Bewegungen Baghdadis über Monate genau beobachtet hätten – ein schwieriges Unterfangen, scheint sich der IS-Chef doch gerne in aller Öffentlichkeit oft unter tausenden Zivilisten versteckt zu haben. Dann in der Nacht auf Sonntag der Angriff auf das Versteck des Terrorpaten: Ein breit angelegter Angriff mit Bodenkommandos, Hubschraubern und Kampfjets, die nach Abzug der Bodeneinheiten alles platt bombten.

Ursprünglich dürften Angaben aus dem engsten Umfeld Baghdadis die ersten Hinweise auf den Aufenthaltsort geliefert haben. Die Rede ist in amerikanischen und kurdischen Sicherheitskreisen von ganz klassischer Geheimdienstarbeit alter Schule, die zur Tötung des IS-Chefs geführt habe. Und auch nach dem überraschenden Abzug der USA aus den kurdischen Gebieten, der in einer türkischen Invasion resultierte, hätten die Kurden weiter Informationen geliefert, hieß es seitens amerikanischer Stellen.

Und dennoch bleiben Rätsel: Allen voran der Umstand, dass die Operation zur Tötung Baghdadis von einer Basis im irakischen Erbil aus durchgeführt wurde – hatte sich Baghdadi doch im äußersten Westen Syriens in der Region Idlib nur fünf Kilometer von der Grenze zum NATO-Partner Türkei versteckt. Zudem dürfen die Behörden der Türkei in keiner Weise in die Operation miteingebunden gewesen sein. Stattdessen zählten US-Dienste auf irakische Hilfe sowie Unterstützung der Netzwerke der syrischen Kurden – Todfeind der Türkei, wegen deren Verbindung zur kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Der US-Hubschrauberverband mit den Sondereinsatzkräften an Bord flog also anscheinend aus dem Irak einmal quer über Syrien, wo die Landeoperation durchgeführt wurde, und wieder zurück – unter sporadischem Beschuss vom Boden, wie es hieß. Dass US-Kräfte diesen Weg wählten, spricht für äußerstes Misstrauen amerikanischer Stellen gegenüber der Türkei.

Ein weitere Frage wirft das Versteck Bagdadis auf. Konkret: die Region Idlib und im speziellen ein Gebiet unter Kontrolle der El-Kaida-nahen Gruppe Hurras al-Din. El-Kaida und IS waren über Jahre erbitterte Feinde. Auch kämpfen die radikalen Gruppen in Idlib zu einem beträchtlichen Teil um internationale Anerkennung – die ihnen mit einer Gefangennahme Bagdadis sicher gewesen wäre. Vor allem aber: Im internationalen Kontext steht Idlib unter dem Schutz Ankaras. Und die Frage besteht: Wie kam Bagdadi, dessen IS seine letzten Bastionen ganz im Osten Syriens hatte, in den äußersten Westen des Landes? Und wie konnte er sich dort bewegen – in einer Region also, in der es eine breite türkische Militärpräsenz gibt? Anscheinend hatte er in den vergangenen Monaten mehrmals das Versteck gewechselt, weswegen Zugriffe auch abgeblasen worden waren.

Laut Vereinbarungen im Astana-Format (Iran, Russland, Türkei) hat die Türkei eine akzeptierte Militärpräsenz in Idlib, durch die ursprünglich ein inexistenter Waffenstillstand zwischen Rebellenverbänden und der syrischen Armee sowie deren verbündeten (Russland, Iran) überwacht werden sollte. Türkische Militärposten bestehen nach wie vor. Zudem hat sich die Türkei im Rahmen der Vereinbarung verpflichtet, Extremistengruppen aus der Region Idlib zu verdrängen. Passiert ist das nicht – was entweder auf das Scheitern der Türkei oder kaum vorhandenen Willen zur Umsetzung dieses Punktes der Vereinbarung zurückgeführt wird.

Wie amerikanische Stellen mitteilten, hat der türkische Einmarsch in kurdische Gebiete im Norden Syriens in Folge des US-Abzuges die Aktion gegen Baghdadi gefährdet. Letztlich habe der Einsatz dann überhastet durchgeführt werden müssen, weil Baghdadi geplant habe, an einen anderen Ort zu wechseln. Geplant worden sei seit vergangenem Sommer, nachdem eine Frau aus dem Umfeld Bagdadis (unterschiedlichen Angaben zufolge handelt es sich um eine Frau Bagdadis oder die Frau eines engen Vertrauten) und sein Kurier gefasst worden seien.

Die Aktionen gegen den IS dauern jedenfalls an: Vor allem in den kurdischen Gebieten gingen Sicherheitskräfte am Montag massiv gegen IS-verstecke vor.

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