Reichlich Geflüster gibt es über Juan Carlos' Entscheidung, ins Exil zu gehen (im Bild mit König Felipe und Königin Letizia 2012)

© APA/AFP/DOMINIQUE FAGET

Porträt
08/04/2020

Verspottet, vergöttert, verachtet: Spaniens gefallener Ex-König

Einst als Marionette der Faschisten abgetan, wurde Juan Carlos zum Retter der Demokratie, um schließlich das Königshaus ins Wanken zu bringen.

von Konrad Kramar

Er war sich seiner eigenen Schande zuletzt wohl selbst schmerzlich bewusst. Vor drei Wochen, am Rande der Feiern zu seinem 82. Geburtstag, vertraute Juan Carlos einem Freund seine derzeit größte Sorge an: „Die Spanier, die jünger als 40 Jahre sind, werden sich an Juan Carlos nur als den mit der Geliebten Corinna, den mit den Elefanten und den mit dem Geldkoffer erinnern.“

Der Geldkoffer und sein ominöser Inhalt, das ist tatsächlich die Geschichte über ihren Ex-König, die die Spanier in den vergangenen Wochen in allen schmutzigen Details erzählt bekommen haben.

Geldbote im Palast

Die Flucht des 2014 abgedankten Herrschers ins Exil – ersten Berichten zufolge in die Karibik – wird weiteren ähnlich schmutzigen Geschichten den Weg an die Öffentlichkeit bahnen. Zu erzählen gibt es offensichtlich genug, das haben die Aufdeckungen der letzten Wochen wohl klar gemacht.

Dem Königshaus, das schon in den vergangenen Jahren eine Reihe von Skandalen seines abgedankten Oberhauptes zu bewältigen hatte, blieb wohl nichts anderes übrig, als Juan Carlos möglichst rasch möglichst weit wegzuschaffen.

Juan Carlos hatte seine Beliebtheit im arabischen Raum – er hatte dort viele umjubelte Besuche absolviert – benützt, um für spanische Unternehmen 2008 ein Bauprojekt einzufädeln. Im Ausgleich flossen gigantische Summen – Medien berichten von bis zu 100 Millionen Euro – in Richtung des Madrider Zarzuela Palasts.

Ein Bote soll das Geld Monat für Monat dort abgeliefert haben. In bar, denn der König genoss es, sich den kleinen privaten Schmiergeld-Reichtum, den er obendrein vor dem Finanzamt versteckte, quasi durch die Finger gleiten zu lassen. Eine Geldzählmaschine war eigens für diesen wohl sinnlichen Zeitvertreib angeschafft worden.

1700 bis 1746 regiert Philipp V. von Anjou, der erste spanische Herrscher aus dem Haus der Bourbonen.  Die Bourbonen sind die älteste noch existierende Dynastie Europas. Spaniens  König, Felipe VI., ist ein  Nachfahre der Linie.

1936 putscht  General Francisco Franco. Er siegt im Bürgerkrieg, beseitigt die Republik und regiert bis zu seinem Tod diktatorisch. 1946 stellt Franco das Königreich Spanien wieder her, benennt aber keinen König. 

1955 holt der Diktator den jungen Prinzen Juan Carlos Alfonso Víctor María de Borbón y Borbón-Dos Sicilias aus dem Exil in Portugal nach Spanien zurück und lässt ihn unter seiner Aufsicht ausbilden.

1969 designiert  der Diktator den Enkel von Alfons XIII. zum Thronfolger.

1975: Zwei Tage nach Francos Tod besteigt Juan Carlos I. den Thron. In den folgenden Jahren unterstützt der Monarch die Demokratisierung Spaniens. 

1981 versuchen Teile des Militärs und der Guardia Civil zu putschen. Doch der König als Oberbefehlshaber der Armee stellt sich dem entschlossen entgegen und bringt den Putsch zum Scheitern.

2012: Nach einem Finanzskandal um seine Tochter Cristina sowie einer Luxussafari in Botswana leidet das Ansehen von Juan Carlos. Bei der Elefantenjagd wird er nicht von Königin Sofía, sondern von seiner Geliebten,  Corinna zu Sayn-Wittgenstein, begleitet.

2014 dankt Juan Carlos I. zugunsten seines Sohnes Felipe VI. ab. Mit seiner Ablöse verliert Juan Carlos seine von der Verfassung garantierte Immunität.

Von Sorgen verfolgt

Viel wichtiger als sein längst ins Wanken geratener Ruf war dem König offensichtlich seine Altersvorsorge gewesen. Schon vor seiner Abdankung habe er sich fast obsessiv Sorgen darüber gemacht, wie er denn in den späten Jahren sein Leben finanzieren solle, berichten Freunde.

Man habe ihn, erzählt einer dieser Freunde der Zeitung El Pais, schließlich darauf aufmerksam gemacht, dass er ein Leben gratis mit der spanischen Fluglinie Iberia fliegen und außerdem in den Luxusappartements seiner saudischen Freunde auf der ganzen Welt residieren könne.

Viel Geld, schöne Frauen, luxuriöse Hobbys wie Elefantenjagd: Das alles brauchte der Monarch offensichtlich zwanghaft. Er habe wohl seine schwierige Kindheit im Exil kompensieren müssen, urteilen Kenner des Königshauses.

Juan Carlos wuchs in Portugal auf. Spaniens faschistischer Diktator Franco hatte seinen Vater vom Thron gestoßen und die ganze königliche Familie verbannt. Doch Franco hatte schließlich begriffen, dass er sich das Königshaus zu Nutze machen konnte, um sich bei den Spaniern beliebt zu machen.

"Den Idioten machen"

Und die offensichtlich am besten dafür geeignete royale Figur war der junge Kronprinz Juan Carlos. Franco holte ihn heim und setzte ihn als seinen Nachfolger ein. Dafür diente Juan Carlos von da an als royale Marionette des Regimes. Auch damals war ihm seine Rolle schmerzlich bewusst. 20 Jahre habe er damit verbracht „den Idioten zu machen“, das sei nicht leicht gewesen, sollte er später über diese Zeit erzählen.

Juan Carlos, damals noch Prinz, bei seiner Hochzeit mit Sofia von Griechenland 1962

Das Paar 2004 bei der Hochzeit seines Sohnes Felipe, des heutigen Königs, mit der Bürgerlichen Letizia Ortiz

Mit Sohn, Schwiegertochter und der älteren Enkelin, Kronprinzessin Leonor, 2014

...und mit der gesamten Königsfamilie 2018

Gute Kontakte pflegte Juan Carlos stets zu arabischen Herrschern (im Bild mit dem saudischen König Abdullah 2008) - die ihm nun zum Verhängnis wurden

Juan Carlos gilt als leidenschaftlicher Segler - seine Liebe zur Großwildjagd sorgte 2012 für einen Skandal

Es wurde auch mit dem Tod Francos 1975 nicht leichter. Juan Carlos war zwar auf einmal König, aber die Spanier trauten ihm in dieser schwierigen Umbruchphase zwischen Diktatur und Demokratie nicht wirklich eine wichtige Rolle zu. Man verspottete den 1,90 Meter großen Mann als den „kurzen König“.

Doch Juan Carlos ließ alle Spötter Lügen strafen. Der junge König manövrierte Spanien geschickt in Richtung Demokratie – und als die noch einmal ernsthaft in Gefahr geriet, sprang er in die Bresche. Francos ehemalige Generäle schickten, frustriert von ihrer Entmachtung, 1981, ihre Truppen auf die Straße. Es war Juan Carlos, der die Soldaten zurück in die Kasernen schickte, einen Staatsstreich verhinderte und die junge Demokratie rettete.

Ruf verspielt

Für Spanien wurde er so nicht nur zum Helden, sondern auch zum Symbol für die Einheit des Landes. Es war dieser Ruf, den Juan Carlos in den vergangenen Jahren mit schrecklicher Konsequenz verspielt hat. Die Spanier, die ihrem König oft mehr Vertrauen entgegenbrachten als ihrer Regierung, mussten 2012 erfahren, welches Luxusleben er als Elefantenjäger geführt hatte, während sie gerade durch die schlimmste Wirtschaftskrise gingen.

„Bürgernah, klug und mutig“, sei er gewesen, gestanden selbst Vertreter der politischen Linken dem König zu. All diese Qualitäten hat er jetzt vermissen lassen – bis zur letzten erbärmlichen Konsequenz, der Flucht vor seinen eigenen Landsleuten.

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