Politik | Ausland
27.04.2018

Vergewaltigung oder Missbrauch? Gerichtsurteil spaltet Spanien

Das Urteil für fünf Vergewaltiger in Spanien sorgt für Massenproteste und eine Debatte über den Umgang mit sexueller Gewalt.

„Frauen jagen“ wollten sie gehen: Das hatten sich die fünf jungen Männer schon längst ausgemacht, bevor sie zum San-Fermin aufbrachen. Das alljährliche Fest im nordspanischen Pamplona ist eines der wildesten in der ohnehin ekstatischen Feierkultur des Landes. Zehntausende versammeln sich, um sich mit einer Gruppe von Kampfstieren in einer Art Wettrennen zu messen. Dazu wird unausweichlich bis zum Morgengrauen getrunken und gefeiert. Für die fünf Männer, die sich „das Rudel“ nannten, scheinbar die passende Szenerie für ihr Vorhaben.

Prahlten mit Video

Sie zerrten eine junge Frau, die sie kurz zuvor kennengelernt hatten, in einen Hauseingang und vergewaltigten sie gemeinsam. Das Video, das sie während des Verbrechens filmten, stellten sie noch in der Nacht ins Internet, schickten es, versehen mit prahlerischen Kommentaren wie „das sind die schönsten Reisen“ an Freunde und Bekannte.

Fast zwei Jahre nach dem Vorfall von 2016 hat jetzt ein Gericht in Pamplona sein Urteil über die fünf Männer gefällt. Ein Urteil, das nicht nur Massenproteste in ganz Spanien ausgelöst hat, sondern auch eine Grundsatzdebatte über den Umgang mit sexueller Gewalt und die spanische Kultur des „machismo“, also des Männlichkeitswahns.

„Sie wehrte sich nicht“

Dabei ist es nicht das Strafausmaß, das viele Bürger empört: Immerhin sind die fünf jeweils zu neun Jahren Haft verurteilt worden. Es geht um die Feststellung des Gerichtes, dass es sich nicht um Vergewaltigung, sondern lediglich um „sexuellen Missbrauch“ gehandelt habe. Schließlich, so die Begründung des Gerichtes, seien „weder Schläge noch Drohungen“ auf dem Video dokumentiert. Die Frau, so wird die vom Video festgehaltene Szene beschrieben, wirkt völlig apathisch und lässt alles mit sich geschehen, ohne sich zu wehren, schreit nur mehrmals angstvoll auf.

Dass sie sich nicht wehrte, brachten die Männer auch vor Gericht als Beweis vor, dass die 18-Jährige in Wahrheit in die sexuellen Handlungen eingewilligt habe.

Vor allem an dieser Behauptung hat sich der Streit entzündet. In spanischen Medien werden Psychologen zitiert, die erläutern, warum es Vergewaltigungsopfern in vielen Fällen gar nicht möglich ist, sich zu wehren, sie in Apathie verfallen.

In den sozialen Medien dagegen kocht der Machismo in brutalster Form hoch. Da erklären Männer in tausendfach geteilten Videobeiträgen, dass die Täter es gar nicht nötig hätten zu vergewaltigen, da sie fesch seien und daher jede Frau haben könnten. Das Mädchen habe offensichtlich Gefallen an der Aggression gefunden. Für die feministische Anwältin Gema Fernandez dagegen, befragt von der Reporter-Plattform Vice, steht das alles für „den Machismo einer Gesellschaft, der sich sogar in der Justiz widerspiegelt“.