Venezuela in der Öl-Falle

People buy food and other staple goods inside a su
Foto: REUTERS/UESLEI MARCELINO Die latente Versorgungskrise verschärft sich, der Import von Lebensmitteln wird zu teuer.

Das erdölreiche Land steht vor der Pleite, wie konnte es so weit kommen?


Venezuela, das Land mit den größten Ölreserven der Welt, versinkt im Chaos. Seit Monaten toben Unruhen im Land, die latente Versorgungskrise zehrt an der Bevölkerung und die Wirtschaft liegt am Boden. Kriminalität, Korruption und eine enorme Inflation herrschen in Venezuela.

Um der drohenden Staatspleite entgegenzuwirken, wurden große Mengen an Goldreserven und zahlreiche Ölfelder verkauft. Besonders kritisch werde es ab Oktober, wenn Venezuela monatlich zwei Milliarden Dollar an Gläubiger zurückzahlen müsse, sagt der Präsident der Banco Venezolana de Crédito. Die Venezolaner bezeichnen den Ölreichtum ihres Landes als "Segnung Gottes", doch die Krise zeigt ihnen nun die Kehrseite der Medaille.

Linke Politik sorgte für Aufschwung

Er ist noch in aller Munde, Hugo Chávez, die Symbolfigur der venezolanischen Linken. Der 2013 verstorbene Staatspräsident versprach 1999 als Gründer der bolivarischen Republik besonders der ausgegrenzten Armenschicht einen Aufschwung.

Dieses Versprechen konnte Chávez halten. In Erinnerung an die Besserungen im Bildungs-, Gesundheits- und Wohnungsbereich gehen die Chavisten heute noch für die "Vereinigte Sozialistische Partei" auf die Straßen. Das sozialpolitische Idol regierte das Land in den goldenen Zeiten, als der Ölpreis hoch war. Nach Chávez Tod kamen die Folgen seiner jahrelangen Misswirtschaft langsam zu Tage.

Abhängig von der Öl-Industrie

Eine Misswirtschaft mit dem Namen "holländische Krankheit", so der Politikwissenschaftler und Lateinamerikaexperte Ulrich Brand. Die Öl-Industrie war und ist ein derart überragender Wirtschaftssektor, dass die venezolanische Währung Bolivar durch die starken Exporte überbewertet wurde. Dies machte es sehr attraktiv, Güter wie Lebensmittel zu importieren, statt selbst zu produzieren.

Die Folge: Venezuela lebt und stirbt mit dem Ölpreis. Es gibt kaum eigene Landwirtschaft oder Industrie, von Medikamenten bis zur Zahnbürste muss alles importiert werden. Chavez verpasste es, die Wirtschaft zu diversifizieren, als es noch möglich war, und auch Maduro hielt weiter am Machtfaktor Öl fest. Doch der globale Ölpreisverfall riss das Land in den letzten Jahren in die Krise.

Die Korruption sitzt tief

Öl ist Macht in Venezuela und mit dem staatlichen Ölkonzern PDVSA liegt die Macht bei der Regierung. Diese wird vom Militär gestützt, denn es ist eng mit der Regierung verwoben. Brand merkt an, schon Chávez, der selbst beim Militär war, wusste, "wie man das Militär bedient". Der Experte für Lateinamerika von der Universität Wien sieht keine Zukunft mit Maduro, er hält aber auch fest, dass die Opposition "keineswegs demokratisch" und auch keine annehmbare Lösung für die Bevölkerung sei.

Es handle sich um die "alte Elite, die wieder an den Fleischtopf will". Die Venezolaner wüssten um die traditionelle Bedienung der Eliten, auch deshalb gingen immer noch Menschen für Maduro auf die Straßen. Trotz der Krise wüssten die Leute, "sie haben schon etwas zu verlieren".

Die Bevölkerung ist aus dem Sinn

Was kann Venezuela noch retten? Laut Brand kommt es auf das Verhalten des Militärs, Friedensinitiativen aus der Gesellschaft und verhandelnde Kräfte aus der Politik an. Als fatal verurteilt er die tobende Gewalt, bei der die bewaffneten paramilitärischen Gruppen der Opposition eine zentrale Rolle spielen. "Beide Seiten denken schon gar nicht mehr an die Bevölkerung", so Brand. Er hoffe auf einen verhandelnden und friedfertigen "Dritten Pol", wie ihn die abgesetzte Generalstaatsanwältin Ortega repräsentiert hatte. Diese ist derzeit auf der Flucht und muss um ihr Leben bangen, werde aber in ihrem Kampf für Demokratie und Freiheit in Venezuela nicht nachlassen, sagte sie zu Reuters.

Auch internationale Vermittlungsmächte seien von Nöten, um diese "fürchterliche Situation ein Stück weiter hinzubekommen", so Brand. Was die USA, zu denen die Opposition gute Kontakte hält, hingegen machten, sei dramatisch. Ob diese Spannungen bei einem persönlichen Gespräch mit Trump, das Maduro derzeit sucht, zumindest etwas gelöst werden, ist ungewiss.

Buchtipp: Ulrich Brand: Lateinamerikas Linke. Ende des progressiven Zyklus? VSA Verlag Hamburg 2016

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?