Höchstrichterin Ruth Bader Ginsburg starb mit 87. US-Präsident Trump will die Republikaner-Mehrheit im Gericht ausbauen

© REUTERS/ANDREW KELLY

Interview
09/23/2020

USA: "Das Virus sitzt im Weißen Haus"

Gloria Steinem, Aushängeschild der US-Frauenrechtsbewegung, über Donald Trump und ihre verstorbene Freundin, die Höchstrichterin Ruth Bader Ginsburg.

von Elisabeth Sereda

„Mein inbrünstigster Wunsch ist, dass ich nicht ersetzt werde, bis ein neuer Präsident im Amt ist.“ Das hat die Ende vergangener Woche verstorbene amerikanische Supreme-Court-Richterin Ruth Bader Ginsburg (RBG) laut ihrer Enkelin Clara Spera kurz vor ihrem Tod gesagt. Die Republikaner im Senat halten dennoch an einer schnellen Abstimmung über die Nachfolge der Richterin und Frauenrechtlerin (siehe auch Seite 22) fest. Mehrheitsführer Mitch McConnell sagte, der Senat werde noch heuer über einen/eine von US-Präsident Donald Trump nominierten KandidatIn abstimmen. Die Demokraten fordern, dass der Posten im einflussreichen Obersten US-Gericht erst vom Sieger bei der Präsidentenwahl am 3. November besetzt wird. Der Sieger wird am 20. Jänner vereidigt.

KURIER: Sie waren mit Ruth Bader Ginsburg befreundet. Seit wann kannten Sie einander?

Gloria Steinem: Wir waren dieselbe Generation und lernten uns in den 1970er-Jahren durch gemeinsame Arbeit für die ACLU (Amerikanische Bürgerrechtsvereinigung) kennen. In den vergangenen Jahren traf ich sie öfter zum Teetrinken in ihrem wunderschönen Büro im Obersten Gerichtshof. Ihr Tod trifft mich sehr hart.

Sie beschrieben RBG als Superheldin …

Ja, weil sie die Frauenrechtsbewegung personifizierte, bevor es eine Frauenrechtsbewegung gab. Sie war immer ein Jahrzehnt voraus, zuerst in der Harvard Law School, dann Columbia. Sie gründete das Women’s Rights Project in der ACLU. Sie gab mir den Job, Fannie Lou Hamer zu interviewen, eine Afroamerikanerin und spätere Aktivistin, die ohne ihr Wissen sterilisiert worden war, während sie aus anderen medizinischen Gründen im Spital war. RBG war die erste Rechtsanwältin, die sich für Frauenrechte einsetzte. Das allein ist ein Wunder.

Was passiert nun?

Wir müssen dafür sorgen, dass ihrem Wunsch stattgegeben wird und der Präsident nicht damit durchkommt, ihren Nachfolger sofort zu bestimmen. Vier republikanische Senatoren sind dafür, dass damit bis nach der Wahl gewartet wird (wobei die Sache im Fluss ist). Und es ist sehr wichtig, dass wir sie und ihr Erbe am Leben erhalten und uns immer fragen „Was würde Ruth tun?“, wenn es um wichtige Entscheidungen geht.

Befürchten Sie, dass die Republikaner es schaffen, die Nominierung vor der Wahl durchzupeitschen?

Ruth hat ihren Wunsch, damit bis nach der Wahl zu warten, schriftlich hinterlassen. Dass man das nicht würdigt, ist unfassbar. Aber wir haben ein Virus, das im Weißen Haus sitzt. Sein Name ist Trump, und er ist das allerschlimmste Virus, das uns plagt. Er ist eine echte Bedrohung. Ein Drittel oder Viertel der amerikanischen Bevölkerung will offensichtlich, dass wir zu alten hierarchischen Prinzipien zurückkehren. Aber wir wissen auch von Umfragen, dass die Mehrheit des Landes das ablehnt, dass den meisten Menschen Bürgerrechte und die Bekämpfung der Klimakrise und gesellschaftspolitische Bewegungen ein Anliegen sind. Daher ist mein Motto: nur nicht aufgeben, nie aufgeben.

Was heißt das im Speziellen?

Wählen! Wir haben das Recht, zu wählen – das einzige Recht, wo wir wirklich alle gleichwertig sind.

Haben Sie Hoffnung?

Ich bin optimistisch, was Frauenrechte angeht, denn ich erinnere mich an eine viel schrecklichere Zeit. Die Republikaner sind deshalb so aufgeregt, weil sie ihre Felle davonschwimmen sehen. Ich habe Hoffnung, weil ich mir den Einsatz der jungen Frauen anschaue. Und ich sehe mehr politische Pioniere denn je zuvor. Kamala Harris, Alexandria Ocasio-Cortez, Stacey Abrams. Und, was das Klima betrifft, nicht zu vergessen Greta Thunberg.

Glauben Sie, dass Proteste, Demos und Märsche helfen?

Ja, weil sie für uns selbst wichtig sind. Sie geben uns einen Sinn von Einigkeit und Hoffnung in schwierigen Zeiten. Und sie zeigen der anderen Seite, dass wir uns nicht den Mund verbieten und unterdrücken lassen.

Gab es ein Ereignis, das Ihren Weg vorzeichnete?

Als ich nach dem College nach Indien ging und erkannte, dass die Welt anders ist als Amerika. Indien hat mir gezeigt, dass Frauen für ihre Rechte kämpfen und dabei etwas erreichen können. Wenn es dort möglich war, warum nicht auch in Amerika? Ich erkannte in Indien, dass wir nicht durch Gleichheit und Ähnlichkeit lernen, sondern von unserer Unterschiedlichkeit.

Sie sagten einmal „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“…

Dieses Zitat wird mir zugeschrieben, aber es ist nicht vor mir! Es stammt von einer Australierin und ist ein wunderbares Zitat.

Es kommen mehrere Filmprojekte und eine TV-Serie, die sich mit Ihrem Leben beschäftigen, heraus. Was halten Sie davon?

Julie Taymors „The Glorias“ ist ein Projekt, an dem ich mitgearbeitet habe, und da stehe ich auch voll dahinter. Die Serie „Mrs. America“ ist grauenhaft. Die Schauspieler sind grauenhaft, und die Geschichte ist total falsch. Man sieht am Beispiel dieser Serie, die von Frauen produziert wurde, die eine falsche Story über die Wahrheit stellten, dass Frauen manchmal ihre eigenen größten Feinde sein können.

Die amerikanische Aktivistin Gloria Steinem ist seit den späten 1960er-Jahren das Aushängeschild der Frauenrechtsbewegung. Als Journalistin schrieb sie für das „New York Magazine“ und gründete die feministische Zeitschrift „Ms.“ (Miss). Die heute 86-Jährige setzt sich auch für Rassengleichheit ein. Der Aktivismus ist in ihren Genen: Großmutter Pauline Perlmutter Steinem, eine polnisch-deutsche Immigrantin, stand der  National Woman Suffrage Association vor.  Sie rettete Familienmitglieder vor dem Holocaust

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