Wer bekommt den "unmöglichsten Job der Welt"?

Die Nachfolge für UN-Chef Guterres wird gesucht - bis 1. April trafen die Bewerbungen ein. Die Kandidaten: zwei Männer und zwei Frauen. Dass sich der Favorit durchsetzt, ist noch lange nicht gesagt.
Michelle Bachelet lächelt und winkt mit erhobener Hand vor dunklem Hintergrund.

"Es ist der unmöglichste Job der Welt" - mit diesem nicht wirklich motivierenden Satz hatte der allererste Generalsekretär der UNO, Trygve Lie, einst seinen Nachfolger begrüßt. An dieser Feststellung hat sich auch mehr als 80 Jahre nach Gründung der Vereinten Nationen wenig geändert:

Der Chef oder die Chefin (hat es bisher noch nie gegeben) an der Spitze der Weltbehörde muss Interessen austarieren, die nicht auszutarieren sind: Machtblöcke, die einander blockierend gegenüberstehen - früher hieß es USA gegen die UdSSR, heute stehen USA und Israel fast immer China und Russland gegenüber. Kriege kann die UNO nicht beenden, nicht einmal den Frieden langfristig zu sichern gelingt immer, wenn die Waffen einmal schweigen. Sprich:

Der UN-Generalsekretär hat keine Macht, steht aber an der Spitze einer Institution, die mit vielen Unterorganisationen auf praktischer Ebene gegen Armut, für Klimaschutz und weltweit geltende Regeln kämpft.

Wer also will diesen Job, den derzeit UN-Generalsekretär Antonio Guterres ausfüllt? Der frühere Premierminister Portugals steht seit 2017 an der Spitze der UNO. Er steht massiv in der Kritik Israels und auch der USA, nachdem er mehrmals das Vorgehen Israels in Gaza kritisiert hatte. Besondere Empörung hatte Guterres in Israel ausgelöst, als er nach dem Terror der Hamas vom 7. Oktober, als mehr als 1.200 Israelis getötet wurden, gesagt hatte, dieser Terroranschlag "sei nicht in einem Vakuum erfolgt."

Die künftige Person an der Spitze der UNO wird die Zustimmung von allen Machtblöcken brauchen - was bedeutet, dass sie schon von vornherein bei keiner Seite anecken durfte:

Für Michelle Bachelet trifft das nicht zu. Die frühere Präsidentin Chiles (74) hatte als spätere UN-Hochkommissarin für Menschenrechte die Volksrepublik China schwer empört. Am letzten Tag ihrer Amtszeit hatte sie einen überaus kritischen Bericht über die Lage der Uiguren in der chinesischen Provinz Xinjiang veröffentlichen lassen. Peking reagierte sehr verschnupft und grollt ihr bis heute. Auch die USA dürften mit der sozialistischen Ex-Politikerin keine Freude haben. Und ihr neuer Staatschef, der ultrakonservative Präsident Jose Antonio Kast, zog nun sogar ihre Nominierung für den UN-Chefposten zurück. Doch Bachelet genießt weiter die Unterstützung von Mexiko und Brasilien, die sie auch nominiert haben - und deswegen bleibt Chiles Ex-Präsidentin im Rennen um den UN-Chefposten.

Aussichtsreichster Kandidat ist ohnehin der Argentinier Rafael Grossi (65) - in Wien kein Unbekannter.

IAEA Nuclear Energy Summit in Paris

IAEO-Direktor Rafael Grossi

Er steht an der Spitze der UN-Atomenergiebehörde (IAEO), die ihren Sitz in der österreichischen Bundeshauptstadt hat. Seit sechs Jahren führt Grossi die Behörde erfolgreich - aber genau das könnte nun zum Problem werden, wieder zeichnen sich Interessenskonflikte ab: Er kann im Konflikt um die Atomanlagen im Iran oder in der umkämpften ukrainischen Stadt mit dem größten AKW Europas, Saporischschja, kaum mehr etwas sagen, was einer der Vetomächte nicht missfällt. Andererseits reist der Argentinier als Chef einer UNO-Organisation auf UNO-Kosten ständig um die Welt, trifft Präsidenten und Ministerinnen und kann so an höchster Stelle für sich werben.

Nicht zu unterschätzen sind die Chancen von Rebeca Grynspan, der früheren Vizepräsidentin von Costa Rica und aktuellen Generalsekretärin der UNO-Behörde UNCTAD.

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Rebeca Grynspan

Die 70-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin gilt nicht nur als eine der führenden Intellektuellen Lateinamerikas, ihr wird auch viel politisches Geschick nachgesagt. So gelang etwa dank ihrer Vermittlung ein Getreideabkommen zwischen Russland und der Ukraine, das die Nahrungsmittelsituation nach Ausbruch des Ukraine-Krieges weltweit entlastete.

Und schließlich kandidiert auch noch Macky Sall, zwölf Jahre lang war er der Präsident Senegals.

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Macky Sall, Senegals Ex-Präsident

Der 64-jährige Ex-Staatschef wurde von Burundi nominiert. Er möchte die UNO an Reformen heranführen und zudem den Globalen Süden stärker vertreten. Die Tatsache, dass er weltweit keine harten Kritiker hat, spricht dafür, dass er letztendlich mit guten Chancen ins Rennen um den "unmöglichsten Job der Welt" geht.

Ab Mitte werden die Kandidaten und Kandidatinnen erste Vorstellungs- und Dialogrunden geben, die per Livestream übertragen werden. Danach berät der Sicherheitsrat und einigt sich auf eine Person – die von der Generalversammlung dann noch offiziell per Abstimmung abgesegnet werden muss. Der neue Chef oder vielleicht erstmals eine Chefin für die UNO soll im Herbst gekürt sein.

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