Gieß-Verbot und AKW-Stopp: Ungarn hofft auf Regen in Österreich
„Vor uns liegen die entscheidenden fünf Tage. Der letzte Turbinenwerk von Paks ist noch in Betrieb.“ In einem fünfminütigen Video erklärt der ungarische Ministerpräsident Péter Magyar der Bevölkerung, was nun auf das Land zukomme: Kurz gesagt, eine „beispiellose Krise“. Die die Ungarn aber „gemeinsam bewältigen werden“.
Ungarns einziges Atomkraftwerk Paks wird im Laufe der Woche vollständig abgeschaltet – erstmals seit seiner Inbetriebnahme im Dezember 1982. Der Hauptstadt Budapest, aber auch ländlicheren Regionen in der ungarischen Tiefebene stehen die heißesten Tage des Jahres vor, könnten möglicherweise sogar zu den Hitzepolen Europas ausgerufen werden: Über 40 Grad Celsius sind in den kommenden Tagen möglich.
Die anhaltende Hitze und Trockenheit fressen das Wasser der Donau, die ungarische Regierung hat bereits die Leistung von Paks gedrosselt – wie vor ihr auch Frankreich und Rumänien. Wegen des niedrigen Pegelstandes kann kein Wasser mehr aus der Donau gepumpt werden, das zur Kühlung der Brennstäbe notwendig ist – Kreuzfahrt- und Frachtschiffe können deswegen länger nicht mehr durch Ungarn fahren.
Die Wasserentnahmestelle und der Kaltwasserkanal des Kernkraftwerks Paks.
Am Montag produzierte der letzte, sich noch am Netz befindende Block zwei (von vier) 230 Megawatt. Unter normalen Betriebsbedingungen verfügt das Kernkraftwerk Paks über eine Erzeugungskapazität von 2.000 Megawatt.
42 Prozent des Strombedarfs
Der größte Stromversorger Ungarns, der rund 42 Prozent des Strombedarfs des Landes produziert, wird stillgelegt. Und zwar solange, „bis der Wasserstand wieder ansteigt“, sagte Magyar am Montag gegenüber Journalisten. Gerechnet wird mit mindestens einer Woche nach vollständiger Abschaltung.
Vor Stromausfällen müsse man sich nicht fürchten. Doch die ungarische Bevölkerung ist aufgerufen, Wasser und Strom zu sparen – vor allem in den Abendstunden, wenn die meisten Menschen zuhause kochen, Wäsche waschen, vor dem Fernseher sitzen und die Klimaanlage anschalten. Die Maßnahmen reichen vom Güterverkehr auf der Schiene, der in dieser Zeit eingestellt wird, über die Abschaltung dekorativer und nächtlicher Beleuchtung. Einkaufszentren sollen ihre Klimaanlagen drosseln; wo möglich, soll im Homeoffice gearbeitet werden.
Debrecen hat die Bewässerung von Grünflächen und öffentlichen Bereichen eingestellt und verbietet, Schwimmbecken zu füllen und Autos zu waschen. Die Stadtregierung in Esztergom hat die Öffnungszeiten der Schwimmbäder verlängert und sie am Abend kostenlos gemacht. Selbst Orbán-Loyalisten fügen sich dem Appell: Die Mega-Hotel-Kette von Lőrinc Mészáros, Schulfreund und Günstling von Orbán, hat ihre Saunen aus Energiespargründen geschlossen, die dekorative Beleuchtung in allen Einrichtungen sowie nicht benötigte Lichtquellen abgeschaltet.
Großen Unternehmen hatte Magyar gedroht – sollten sie den Stromverbrauch in den Abendstunden nicht verringern, „ist der Staat bereit einzugreifen“, so Magyar.
Péter Magyar bei einer Pressekonferenz am Montag.
Spiele spielen statt fernsehen
Bisher dürften die Ungarn ihrem Premier Folge leisten: Am Sonntagabend „lag der Energiebedarf zur Spitzenzeit bei 5.700 Megawatt statt wie geplant bei 6.400. Das ist eine Differenz von 700 Megawatt – mehr als die Leistung eines ganzen Blocks im Kernkraftwerk Paks –, die ihr an einem einzigen Abend eingespart habt“, lobte der Wirtschaftsminister István Kapitány am Montag die Familien, die abends Brettspiele spielten statt fernzusehen.
Ungarn ist mit der Herausforderung nicht allein: In Hitzeperioden steigt der Strombedarf für Kühlsysteme, während das Wasserwerke weniger Strom liefern und Trockenheit weniger Kühlwasser bringt, das auch für andere Kraftwerke gebraucht wird. Allerdings nutzte Magyar die Pressekonferenz am Montag, um der langjährigen Orbán-Regierung vorzuwerfen, bei der Sicherstellung der Energieversorgung versagt und etwa keine Stauseen gebaut zu haben.
Auch wenn derzeit noch auf genügend Reserven verwiesen wird, wird Ungarn früher oder später seinen Bedarf durch Importe aus dem Ausland decken müssen – die teurer sind als der eigens produzierte Strom. Neben Atomstrom kommt ein Viertel des eigens produzierten Stroms aus Photovoltaik, ein weiteres aus Erdgas und Kohle. Die Slowakei hat bereits Hilfe angeboten. Magyar hoffte am Montag auf maximale Mehrkosten von 50 Milliarden Forint (137,7 Millionen Euro), die der Import von Strom kosten werde.
Wann sich die Lage entspannt, hängt vom Regen in Österreich ab: Der Regen, der im Westen Österreichs in die Donau-Zuflüsse Inn, Traun und Enns fällt, braucht etwas mehr als drei Tage bis nach Paks – der für Donnerstag prognostizierte Regen könnte den Pegel in Ungarn dann Ende der Woche leicht steigen lassen. Bis die erste Pumpe aber wieder anspringt, müsse der Pegel mehrere Tage lang stabil bleiben oder steigen. Und dürfe ja nicht wieder sinken.
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