Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Autounfall offenbart Russland-Nähe der slowenischen Präsidentin

Die Präsidentin war mehrfach mit einer gebürtigen Russin in Moskau unterwegs. Kritiker sehen die Würde des Staatsamts gefährdet.
BESUCH DER SLOWENISCHEN PRÄSIDENTIN PIRC MUSAR IN KÄRNTEN / PIRC MUSAR

Zusammenfassung

  • Ein Autounfall der slowenischen Präsidentin Nataša Pirc Musar mit ihrer engen russischstämmigen Freundin Victoria K. löste eine Debatte über ihre Russland-Kontakte und die Würde des Staatsamts aus.
  • Recherchen zufolge reiste Pirc Musar zwischen 2015 und 2022 mehrfach mit Victoria K. nach Moskau oder St. Petersburg, darunter ein Neujahrsaufenthalt 2021/22 kurz vor dem russischen Angriff auf die Ukraine.
  • Zusätzliche Fragen betreffen Victoria K.s Staatsbürgerschaft sowie Verbindungen zu dem in Krasnojarsk untergetauchten Ex-Vizechef des slowenischen Nachrichtendienstes Roman Jeglič, die das Präsidialamt als privat und historisch einordnet.

Ein Autounfall, bei dem die slowenische Präsidentin Nataša Pirc Musar unangeschnallt mit einer gebürtigen Russin unterwegs war, sorgt in Slowenien für hitzige Diskussionen.

Laut Recherchen von APA und der Tageszeitung Dnevnik waren die beiden Frauen auch in Russland wiederholt unterwegs, zuletzt zum Jahreswechsel 2021/22. Unklare Hintergründe dieser russischen Kontakte sorgen nun für Spekulationen. Kritiker sehen gar die Würde des höchsten Staatsamts in Slowenien gefährdet.

Familie Pirc Musar gilt als russophil

Als Besitzerin der zu Beginn des 20. Jahrhunderts außerhalb von Ljubljana im russischen Stil errichteten Vorstadtvilla Ruska Dača, die 2016 eine Firma von Aleš Musar, dem Ehemann der nunmehrigen Präsidentin, erworben hatte und liebevoll renovieren ließ, galt die Familie Pirc Musar als betont russophil. So sehr, dass sich die Firma Ende Februar 2022 gar genötigt sah, die „inakzeptable und sinnlose militärische Aggression gegen die Ukraine“ in einer Presseaussendung zu verurteilen und Missverständnisse vermeiden wollte.

Aber als im Dezember 2021 schon weltweit darüber diskutiert wurde, ob und vor allem wann Russland die Ukraine überfallen würde, wählte die erfolgreiche Anwältin Pirc Musar ausgerechnet Russland als Destination für ihren Neujahrsurlaub aus: Wenige Monate bevor sie erfolgreich als Quereinsteigerin für das Amt der Präsidentin kandidieren sollte und zu einem Zeitpunkt, an dem sie bereits für höchste Ämter im Staat im Gespräch war, setzte sie sich laut geleakten russischen Datenbanken am 26. Dezember 2021 in eine Aeroflot-Linienmaschine von Ljubljana nach Moskau.

Jahreswechsel 2021/2022 in Russland

Pirc Musar verbrachte laut den Leaks den Jahreswechsel in Russland. An die große Glocke hängte sie dies jedoch nicht: Auf Facebook postete sie in der Silvesternacht ohne Ortsangabe ein Foto, das einen Weihnachtsbaum mit Tigerfigur zeigte: „Wir treten in das Jahr des Tigers ein. Allen Glück“, schrieb sie. So ukrainische Drohnen die betreffende Lagerhalle zuletzt nicht zerstört haben, ist die Figur beim russischen Onlinehandler Wildberries derzeit noch im Abverkauf zu haben. Das Schmücken des Weihnachtsbaumes mit dem Tier des kommenden Jahres nach dem chinesischen Horoskop ist in Russland eine populäre Tradition.

Die Anwältin sollte am 7. Jänner 2022 wieder nach Slowenien zurückkehren. In derselben Aeroflot-Linienmaschine saß laut Leaks auch ihre langjährige persönliche Freundin und Bowling-Partnerin Victoria K.. Letztere war selbst einige Tage vor Pirc Musar aus Ljubljana nach Moskau aufgebrochen und hatte einen Abstecher in ihre Heimatstadt Krasnojarsk gemacht, wo sie mit dem Abschluss eines Handyvertrags digitale Spuren hinterließ.

Gemeinsam auf Passagierlisten

Der Rückflug kurz vor Kriegsbeginn war nicht die einzige gemeinsame Flugreise der beiden Frauen: Sie befanden sich zwischen 2015 und 2022 zumindest bei sechs weiteren Flügen aus und nach Moskau oder St. Petersburg gemeinsam auf Passagierlisten. „Bevor sie das Amt des Präsidenten der Republik antrat, hat sie Russland mehrfach besucht, immer als Touristin und in Begleitung von Familie und Freunden“, kommentierte ein Sprecher der Präsidentschaftskanzlei in Ljubljana auf APA-Anfrage.

Eine einzige gemeinsame Autofahrt der nunmehrigen Präsidentin mit ihrer engen Vertrauten - beide Frauen waren nicht angeschnallt gewesen und mussten nach einem Unfall im Krankenhaus behandelt werden - sorgte nun für hitzige Diskussionen. Der ehemalige slowenische Verfassungsrichter Peter Jambrek stellte sogar die Möglichkeit einer Absetzungsklage in den Raum: Pirc Musar würde durch ihre freundschaftlichen Umgang mit der Bürgerin eines Landes, das eklatanter Völkerrechtsverletzungen schuldig sei, die verfassungsrechtliche Stellung des Staatsoberhauptes gefährden, argumentierte er. Später dementierte er, dass er eine solche Klage selbst vorbereite.

Slowenische Staatsbürgerschaft für Bowling-Spitzensport

Fragen warfen auch die Umstände auf, die K. die Erlangung der slowenischen Staatsbürgerschaft bei gleichzeitigem Erhalt der russischen ermöglichten. Laut slowenischen Medienberichten hätte die betreffende Sonderbestimmung keine Anwendung finden dürfen, da K. 2007 kurz nach ihrer Übersiedlung nach Slowenien einen Autounfall verursacht hatte, bei dem ein Kärntner Motorradfahrer ums Leben kam, und dafür strafrechtlich verurteilt wurde.

Präsidentin Pirc Musar widersprach am 9. August via Facebook: „Vika“, die einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen worden sei, habe die slowenische Staatsbürgerschaft als Spitzensportlerin nach den gleichen Regeln wie alle anderen bekommen. Zugleich betonte sie, dass K. schon 20 Jahre ihre „beste Freundin“ sei. „Ich würde sie um nichts in der Welt eintauschen wollen“, betonte Pirc Musar.

Pirc Musar bestritt mit K. gemeinsam Bowling-Turniere. Die beiden wurden auch slowenische Staatsmeisterinnen. 2010 zählte Pirc Musar auch zu den Mitbegründerinnen des Bowling Klub Feniks in Ljubljana.

Über die berufliche Vergangenheit der 1972 geborenen K. in Russland ist nur wenig bekannt. In verfügbaren Leaks finden sich keine Hinweise auf russische Einkünfte. Belegbar ist lediglich, dass sie vor 2009 Funktionärin der Föderation für Sport-Bowling in Krasnojarsk war. In Slowenien war sie Medienberichten zufolge für Firmen der Familie Pirc Musar tätig, unter anderem auch Prokuristin von Ruska Dača. Sie soll zudem in einer Wohnung leben, die Pirc Musar im Jahr 2012 in Ljubljana offenbar für sie gekauft hat.

Slowene im sibirischen Exil

Ein überraschender slowenischer Bezug findet sich im Zusammenhang mit K.s historischer Meldeadresse in Krasnojarsk: Neben einer Frau mit dem gleichen Familiennamen wie K., Jahrgang 1952, wird in Datenbanken ein gewisser Roman Andrejewitsch Jeglitsch, Jahrgang 1951, als weiterer Mitbewohner genannt. Die Rede ist dabei von niemand Geringerem als dem Ex-Vizechef des ersten nach der staatlichen Unabhängigkeit gegründeten Nachrichtendiensts Sloweniens VIS (1991-1993), Roman Jeglič, der Mitte der Neunzigerjahre in Russland abgetaucht war.

In Slowenien kann Jeglič als Figur der Zeitgeschichte gelten: Als hochrangiger Polizist unterschrieb er 1988 auf Zuruf des kommunistischen Geheimdiensts SDV jene Strafanzeige, auf deren Grundlage der damalige Journalist Janez Janša seinerzeit verhaftet wurde. Janša und drei weiteren Personen wurde in Folge wegen Verrats von militärischen Geheimnissen verurteilt. Proteste gegen das Militärstrafverfahren spielten eine wichtige Rolle am Weg zur slowenischen Unabhängigkeit - sie waren auch der Beginn von Janšas politischer Karriere. Zuletzt kehrte der rechtsgerichtete Politiker - er gilt als erbitterter Gegner von Präsidentin Pirc Musar - im Juni 2026 in das Amt des Premierministers zurück, es ist seine vierte Periode in dieser Funktion.

Vom Nachrichtendienst zum Haushaltsgerätehersteller

Der ehemalige Polizist Jeglič avancierte 1991 zum Vizedirektor des neugegründeten Nachrichtendienstes VIS und trat 1993 mit einem Brief in Erscheinung, in dem er seinen damaligen Chef Miha Brejc beim damaligen Premierminister Janez Drnovšek anschwärzte und für dessen Entlassung sorgte. Versuche von Brejc, gerichtlich gegen Jeglič vorzugehen, scheiterten an fehlenden Zustelladressen. Der ehemalige VIS-Vizedirektor konnte auch zu parlamentarischen Untersuchungsausschüssen nicht geladen werden. Nachdem er mit einem slowenischen Pyramidenspiel in Verbindung gebracht wurde, übersiedelte Jeglič unter unbekannten Umständen nach Russland. Die Zeitung „Slovenske Novice“ spekulierte bereits 1998 über einen Wohnsitz in Krasnojarsk, wo er jedenfalls ein paar Jahre später als Vertreter des slowenischen Haushaltsgeräteherstellers Gorenje agierte.

„Die Präsidentin ist nicht in der Lage, das Privatleben von Frau K. zu kommentieren. Sie ist sich jedoch bewusst, Frau K. und Roman Jeglič zu einer Zeit getroffen haben, als Jeglič für slowenische Firmen in Russland tätig war“, erklärte die slowenische Präsidentschaftskanzlei gegenüber der APA. K. und Jeglič hätten jedoch seit mehr als 15 Jahren keinen Kontakt mehr. K. selbst ließ APA-Anfragen per Mail und Messenger-Diensten sowie Anrufe seit Montag gänzlich unbeantwortet.

Kommentare