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Politik Ausland
05/01/2020

Um künftig Pandemien zu verhindern: Essens-Revolution in China

Mit einem Paar Stäbchen aus einem Topf zu essen ist ein Virus-Verbreiter - eine Kampagne will die Chinesen von alten Tisch-Traditionen wegbringen.

von Andreas Schwarz

China-Reisende kennen das: Im Restaurant sitzen Chinesen um große, runde Tische und nehmen von vielen Platten und Schüsseln mit ihren Stäbchen das Essen auf ihre Teller – oder  direkt in den Mund. In Baibuting in Wuhan nahmen Mitte Jänner 40.000 Familien an einem riesigen Pot Luck Essen vor dem Chinesischen Neuen Jahr teil. Und stocherten ausgelassen und fröhlich mit ihren Chopsticks in Hunderten Essen auf großen langen Bankett-Tischen.

Hygienisch ist das nicht. Und war es auch nicht. Fünf Tage später wurde Wuhan wegen der Ausbreitung des Coronavirus unter Lockdown gestellt, und in Baibuting wuchs die Zahl der Infektionen rasant. Weil auch die chinesischen Tischsitten mit eine Ursache für die rasche Verbreitung des Virus sind, wie Wissenschafter berichten.

Jetzt drängen chinesische Behörden auf eine „Esstisch-Revolution“, wie der britische Guardian berichtet. Die Tradition der gemeinsamen Großessen und des Essennehmens mit den eigenen Essstäbchen soll, wenn es nach den Staatsoberen geht, bald der Vergangenheit angehören. In großangelegten Kampagnen werden die Chinesen aufgefordert, zwei paar Stäbchen zu verwenden: Servierstäbchen (Gongkuai), mit denen das Essen von den Platten in die eigene Schüssel genommen wird, und Stäbchen, mit denen das Essen verzehrt wird. Außerdem sollen Essen zunehmend in einzelnen Portionen serviert werden und nicht mehr auf „Familienplatten“.

Das kommt tatsächlich einer Revolution gleich. Und wird ein mehr als schwieriges Unterfangen. Schon Anfang des Jahrtausends nach der Sars-Epidemie hatte es eine ähnliche Initiative gegeben, die aber im Sand verlief.

Aber diesmal sind die Behörden offenbar sehr entschlossen. Genauso, wie es in vielen Teilen des Landes schon Verbote von Wildtiermärkten gibt, auf denen Flughunde oder Katzen zum Verzehr angeboten werden, soll auch das unhygienische Essverhalten der Chinesen geändert werden.

In den Staatsmedien laufen Videos der Kampagne zum „neuen Trend des zivilisierten Essens“: „Essen und Stäbchen teilen ist nicht Liebe teilen“, heißt es da zum Beispiel. Prominente, Wirtschaft-Tycoons und Wissenschafter machen sich für die Kampagne stark, in Peking hängen Plakate mit „Liebe ist ein zweites Paar Chopsticks“.

In vielen Restaurants wird dieser Trend bereits aufgegriffen, es gibt auf jedem Platz zwei Paar Stäbchen und zwei Löffel. Und der Betreiber einer Chopstickfabrik in Tianzhu berichtet von einer um 30 Prozent höheren Nachfrage nach Gongkuai, den längeren und anders verzierten Servierstäbchen.

Aber im Privatbereich und vor allem bei älteren Menschen dürfte die Änderung der Tisch- und Essenssitten nicht so einfach werden. „Das Hindernis ist einfach die starke Tradition des gemeinsam Essens und Trinkens ohne jede Distanz“, wird Edward Q Wang, der Autor einer  Kulturgeschichte der Stäbchen, im „Guardian“ zitiert. Viele Chinesen sehen die Verwendung verschiedener Chopsticks vor allem zu Hause nicht als notwendig an: In einer Umfrage (Sina Shanghai) sagte mehr als die Hälfte der 650  Befragten, dass sie daheim keinesfalls Gongkuai verwenden werden – häufigste Antwort: „Nein, wir sind ja eine Familie.“