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Reportage
03/13/2022

Ukrainer auf der Flucht: Vom Moment, da ihr Fuß im Exil aufsetzt

Tränen, Erschöpfung, Verzweiflung, ein Kinderlächeln: Menschen aus der Ukraine bei der Ankunft in Ungarn und in der Slowakei.

von Uwe Mauch

Es ist kein schönes Schauspiel, das sich da auf dem Bahnhof der ostungarischen Grenzstadt Záhony täglich wiederholt: Mit dreistündiger Verspätung rollt der internationale Zug aus dem nur dreißig Kilometer entfernten ukrainischen Mukatschewe langsam ein. Die alte Lokomotive zieht arg ächzend neun Waggons, alle neun voll besetzt.

Minutenlang öffnet sich keine einzige Tür. Dann geht nur eine auf. Und was sehen die ersten Fahrgäste, die aussteigen dürfen? Uniformierte Polizisten und bewaffnete TV-Leute. Jeden Schritt fangen diese ein – je leidender der Blick, umso begehrter der Schritt.

Wie auf einem Laufsteg müssen die soeben Geflüchteten an den Uniformen und an den Kameras vorbei. Dann kommen ihnen auch schon die Freiwilligen der diversen christlichen Hilfsorganisationen mit einem Bauchladen an Süßigkeiten und ehrlicher Anteilnahme nahe.

Anteilnahme für die Menschen in und aus der Ukraine ist in diesen Tagen wichtiger denn je. Wichtig ist es aber auch, dass man sie einfach in Ruhe lässt, sofern sie das wünschen.

Emotionale Ankunft im Exil

Ein Fahrgast nach dem anderen bahnt sich den Weg ins Exil. In den Blicken ist abzulesen: Erschöpfung, Verzweiflung, Sorge; eher selten: Erleichterung, ein Kinderlächeln.

Vor allem Mütter mit Kindern und Ältere nehmen das Angebot der Stadt Záhony an und begeben sich zur nahe gelegenen Mittelschule. Dort gibt es die Möglichkeit, etwas Warmes zu essen und zu trinken oder sich für die kommende Nacht in ein Feldbett fallen zu lassen.

Istvan Csige vom Magyar Vörös Kereszt, dem ungarischen Roten Kreuz, koordiniert den Einsatz der Freiwilligen in der Schule. Der Fachmann für den Katastrophenschutz beobachtet den Krieg im Nachbarland mit wachsender Sorge: „Auch wenn wir den Betroffenen jetzt akut helfen, dürfen wir nicht vergessen, dass sie unsere Unterstützung noch länger benötigen werden.“

Immerhin rollt die internationale Hilfe jetzt erst so richtig an: Auf dem Bahnhofsvorplatz steht auch ein Bus mit dem dunkelblauen Branding von Dinamo Zagreb. Die Leitung des kroatischen Profifußballvereins hat kein Aufsehen darum gemacht. Man lässt heute junge Sportler von einem befreundeten Verein im Osten der Ukraine nach Zagreb bringen.

Großartige Geschichten

„Für uns ist es wichtig, dass jetzt die ganze Welt hilft“, sagt Ferenc, den seine Kollegen Fränk nennen. „Das gibt uns zusätzliche Energie.“ Der junge Elektrotechniker der Firma Siemens hat sich zu Wochenbeginn Urlaub genommen, reiste mit dem Wagen und Freunden aus Budapest nach Lónya, einem kleinen Ort am Grenzfluss Theiß, um zu helfen, wo er akut gebraucht wird.

Im Moment trägt er Kartons in den Gemeindesaal der kleinen Ortschaft, gefüllt mit Gewand, mit Essen, Trinken und Hygieneartikeln. Die Ungarn sind ähnlich stolz auf ihre spontane Hilfsbereitschaft wie die Österreicher. Und das dürfen sie wohl sein.

Auch András Molnár ist heute nach Lónya gekommen, um sich hier einen Überblick zu verschaffen. Er koordiniert seit Ausbruch des Krieges den Einsatz der angestellten und der freiwilligen Rotkreuzhelfer an der Grenze. Seine Botschaft an die Spender lautet: „Wir hoffen sehr, dass es schon bald mehr humanitäre Korridore durch die Ukraine gibt. Wir sind darauf gut vorbereitet.“

Eine Spezialität vom Roten Kreuz sei auch auf dieser Flüchtlingsroute das Tracing, betont András Molnár. Dank des internationalen Netzwerks können verschollene Mitglieder der Familie gesucht und im besten Fall zusammengeführt werden.

Das ist alles andere als einfach. So wie der Krieg von einem Tag auf den anderen bedrückende neue Tatsachen schafft, ändern sich auch die Flüchtlingsströme schnell. Was sich allerdings nicht ändert, das sind die vielen Autos mit ukrainischen Kennzeichen, die auf den Straßen in Ungarn und in der Slowakei Tag wie Nacht in Richtung Westen fahren.

Kein Hotelzimmer mehr frei

Sie könnten sich darüber keineswegs freuen, sind sich zwei Hotelbesitzer unabhängig voneinander einig, der eine im ungarischen Nyíregyháza, der andere im slowakischen Košice. Beide Städte liegen eine Autostunde von der Grenze zur Ukraine entfernt, im Moment ist weder beim einen noch beim anderen ein Zimmer frei: „Die meisten Gäste sind Ukrainer.“

Es sind ganz andere Bilder, die sich in das Gedächtnis einschreiben, als jene aus dem im Spätsommer 2015 in Österreich, als der Krieg in Syrien Menschen zur Flucht zwang. Die Ukraine und Syrien sind zwei verschiedene Paar Schuhe: Auf den Parkplätzen der Hotels stehen in diesen Tagen auffallend viele sehr geräumige Fahrzeuge. Jene mit den staubigen Scheiben sind wohl eher in der Ostukraine registriert.

Ukrainer, die sich kein eigenes Auto leisten können und die Gefahr etwas zu spät erkannt haben, sind nicht hier einquartiert. Das heißt aber nicht, dass die Speerspitze der neuen Flüchtlingsbewegung keine Hilfe benötigt. „Manche“, berichtet Ferenc, der Freiwillige in Lónya, „sind direkt aus der U-Bahn-Station geflohen, nur mit dem, was sie bei sich hatten.“ Ferenc versucht sich in ihre Lage zu versetzen. Er weiß aber, dass so eine Abstraktion nicht gelingen kann. Um niemandem hier ein Bett wegzunehmen, will er eine weitere Nacht im Auto schlafen.

12.000 Menschen passieren zur Zeit den ukrainisch-slowakischen Grenzübergang bei Vyšné Nemecké. Jeden Tag. Die staatliche und auch die Hilfe der Zivilgesellschaft in der Slowakei erinnert an die „Train of hope“-Willkommenskultur auf den österreichischen Bahnhöfen 2015. Anders als in Ungarn werden die Flüchtlinge hier von Bürgern, nicht von Polizisten empfangen. Freundlich, aber mit dem notwendigen Respektabstand. Wer will, kann hier einen Kaffee, ein Bett, eine gegen die Kälte schützende Winterjacke oder eine Dusche bekommen. Oder einen Sitzplatz im bald abfahrenden Bus in Richtung Westeuropa.

Im emsigen Treiben der Helfer, im ständigen Ankommen, Durchatmen und Weitergehen ist auch ein junger Österreicher aktiv. Aufgrund seiner Sprachkenntnisse kann er gut vermitteln. Denn auch Landsleute von ihm kommen mit ihren privaten Pkws nach Vyšné Nemecké, um den Kriegsflüchtlingen eine Gratisfahrt nach Österreich anzubieten. Den Namen des Freiwilligen müssen wir nachreichen. Denn so schnell wie er auftauchte, war er auch wieder als Taschenträger im Dauereinsatz.

Spasybi! Bedanken sich viele an diesem Abend. Die richtige Antwort wäre laut der großen Übersetzungsmaschine: Laskavo prosymo! Bitte! Gut zu wissen. Ukrainisch war uns bisher fern. Jetzt geht es uns nahe.

PS: Wenn Sie Familien in der Ukraine unterstützen möchten, hier können Sie spenden.

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