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Reportage

So brachten wir Svitlana und ihre Kinder nach Österreich

Es gibt wenige Tage im Leben von Journalisten, an denen sie keine Fragen stellen, an denen sie einfach nur fahren, fahren, fahren.

von Uwe Mauch

03/13/2022, 05:00 AM

Sie sind im Moment noch in Lviv. – Der Plan ist, dass sie in 2,5 bis 3 Stunden zur Grenze kommen. – Ich kann sie im Moment nicht erreichen, sie sind in den Bergen. – Ich habe soeben eine Wohnung für sie in NÖ gefunden. – Sie sind in 20 Min. an der Grenze. – Sie warten jetzt in der Schlange.

Bis Montag, 22 Uhr, war ich mit einer ukrainischen Bekannten in Wien ständig in Kontakt. Und auf einmal standen sie vor uns: Svitlana, Physiotherapeutin aus Kiew, ihre Kinder Georgie (12), Margarita (10) und Daniel (8), und auch der schwarze Labrador-Bub Adi.

Svitlana sagte „danke“. Das Angebot, ihren Mega-Rucksack bis zum Auto zu tragen, lehnte sie höflich ab.

Auf dem Weg zum Hotel in Košice wurde es bald still im Wagen. Die Kinder waren schnell eingeschlafen. Auch der Adi machte am Vorabend seines ersten Geburtstags keinen Beller. Im Schutz der Dunkelheit weinte Svitlana.

Vor gut einer Stunde erst hatte sich die 48-jährige Frau von ihrem Ehemann verabschiedet, der zurück nach Kiew musste – um die Stadt, die auch die ihre ist, als Soldat zu verteidigen.

Ich hätte so viele Fragen gehabt. Doch ich stellte sie nicht. Nicht in dieser eisigen Nacht, und auch nicht am nächsten Morgen. Und das hat weniger damit zu tun, dass es keine Sprache gibt, die uns verbindet.

Eigentlich war auch alles gesagt, ohne dass es extra ausgesprochen wurde.

Svitlana, ihr Mann und die drei Kinder waren – wie ihre Landsleute – von einem Unberechenbaren über Nacht in einen Abgrund gerissen worden. Mit jedem weiteren Kilometer in Richtung West und Ost entfernten sie sich zwei Kilometer voneinander.

Daniel findet früher als seine älteren Geschwister den Frohmut wieder. Der zeigt immerhin Wirkung. Ein bisschen auch bei seiner Mutter. Auf dem Autobahnring rund um Budapest erzählt sie, dass ihr Mann in Kiew einen Outdoor-Sport-Shop führt, also, hm, geführt hat. Am Vortag erst musste das Viertel evakuiert werden. Wir reden über das Wandern in der Ukraine. Und Svitlana lächelt einmal ganz kurz.

Der Google Translator zeigt auf ihrem Handy ein Die Ukraine ist überall schön an.

Irgendwie gut, dass der Satz „Auch in Österreich ist es schön“ nicht fällt. Wenn es denn so ist, kann das diese brutal entzweite Familie in der nächsten Zeit ohne einen fremden Einflüsterer selbst entdecken. Jene Frau, die ihr Herz und die Wohnung ihres derzeit verreisten Vaters im Bezirk Neunkirchen für sie öffnen möchte, schreibt in einer SMS, dass schon alles hergerichtet ist. Und dass sie ehrlich aufgeregt ist.

Und dann haben wir es endlich geschafft. David ballt seine Fäuste, als er auf dem Mobiltelefon des neuen, deutlich älteren Freundes

2 Min. bis zum Ziel lesen darf.

Man kann hier wohl kaum von einem Happy End sprechen. Dennoch sei das angemerkt: Svitlana und die Kinder sind in einer schönen Wohnung mit einem kleinen Garten und vor allem mit sehr herzlichen Menschen gelandet. Auch ein Nachbar ist da, der beim Tragen hilft und sich schon über dies und jenes schlaugemacht hat.

Der KURIER-Redakteur macht sich sodann schnell vom Acker. Immerhin gehört er jener Generation an, der noch erklärt worden ist, dass Männer nicht weinen.

PS: Wenn Sie Familien in der Ukraine unterstützen möchten, hier können Sie spenden.

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