Politik | Ausland
11.04.2017

"Mehr in Haft als in Russland"

Cumhuriyet-Top-Journalist Erdem Gül über die Arbeit zwischen Schreibtisch und Gefängniszelle.

Gleich beim Eingang zu den Redaktionsstuben sitzt ein Sicherheitsmann, die Pistole griffbereit. Gut ein Dutzend Journalisten arbeiten hier in Ankara für die Zeitung Cumhuriyet, deren Zentrale sich in Istanbul befindet. Sie ist eines der letzten freien Medien in der Türkei und Leuchtturm einer unabhängigen Berichterstattung im Land, der Präsident Recep Tayyip Erdoğan den Kampf angesagt hat. Das schlägt sich auch in den sozialen Netzwerken nieder, in denen das Blatt verunglimpft und bedroht wird. Im Visier der Justiz stehen die Mitarbeiter schon lange.

"Von November 2015 bis Februar 2016 war ich 92 Tage lang im Gefängnis", erzählt Erdem Gül, Cumhuriyet-Büroleiter in der Hauptstadt, dem KURIER. Die ersten 40 Tage in Einzelhaft, dann gemeinsam mit Chefredakteur Can Dündar, der nach dem Putschversuch vom Juli 2016 nicht mehr in seine Heimat zurückgekehrt ist und in Deutschland lebt.

Der Vorwurf an beide: Geheimnisverrat, wofür sie zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Die Berufung läuft, gegen Gül aber auch ein zweites Verfahren wegen Terror-Unterstützung. Der 50-Jährige mit seiner ruhigen Art zündet sich eine Zigarette an, lehnt sich zurück und sagt: "Wir haben es momentan echt schwer in der Türkei. 90 Prozent der Medien wurden von der Regierung kassiert. An inhaftierten Journalisten haben wir sogar schon Russland überholt."

Es braucht "Echte Information"Woher er Kraft und Motivation nimmt, weiterzukämpfen? Zum einen sei Cumhuriyet die älteste Zeitung des Landes, 1924 erstmals erschienen, nur ein Jahr nach der Staatsgründung. Zweitens bestehe die Türkei nicht nur aus Erdoğans Regierungspartei AKP, "es gibt auch die anderen 50 Prozent", daher brauche es "echte Information". Zudem "bin ich aus Leib und Seele gerne Journalist, es ist aufregend", sagt er lachend. Seine Frau und die beiden Kinder, acht und zwölf Jahre alt, würden das verstehen und ihn in seiner Arbeit unterstützen.

Für diese, für die er nun fünf Jahren lang im Kerker landen könnte, erhielt Gül im Vorjahr gemeinsam mit seinem Kollegen Dündar den Anna Politkowskaya-Preis für Menschenrechte. Dieser wurde nach der russischen, Kreml-kritischen Journalisten benannt, die 2006 unter dubiosen Umständen erschossen worden war.

Trotz aller Schikanen wolle er nicht klein beigeben, sagt Erdem Gül, hinter dessen Schreibtisch ein Bild von Staatsgründer Atatürk hängt. Dieser habe eine komplett andere Türkei angestrebt, als sie sich heute unter Erdoğan präsentiere. Deshalb hofft der 50-Jährige auf ein Nein beim Verfassungsreferendum, mit dem sich der Staatschef weit reichende Befugnisse verschaffen will. "Das wäre ein Warnsignal an die Regierenden: Stoppt jetzt!"