Politik | Ausland
25.01.2018

Türkische Autorin "alarmiert" über "Dschihad" Erdoğans

Asli Erdoğan über einen noch nie da gewesenen Nationalismus in ihrer Heimat und das Ende des Kemalismus.

Dem Land, in das sie geboren wurde, musste sie längst den Rücken kehren. Angeklagt wegen einer Art Hochverrat (Zerstörung der Einheit des Staates) sowie Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung droht der Autorin Elsi Erdoğan in der Türkei lebenslange Haft. Von Deutschland aus verfolgt sie die jüngste Eskalation im Syrien-Krieg nach der Invasion und dem Vorrücken türkischer Truppen gegen die dortige Kurdenmiliz YPG – und ist erschüttert.

"(Präsident) Erdoğan macht dies bloß aus einem Grund: Um seine Macht zu festigen. Und die Rechnung geht auf. Die ganze Nation steht plötzlich hinter ihm. Sogar Intellektuelle, Künstler und Wirtschaftstreibende ,beklatschen’ in den Sozialen Medien die ,glorreiche Armee’. Das ist das Ende des Kemalismus (des laizistischen Lagers)", sagt die 50-Jährige im KURIER-Telefonat.

"Angst um Heimat"

Dem Staatschef sei es gelungen einen noch nie da gewesenen Nationalismus zu entfachen und das mit einem religiösen Überbau: "Dieser Dschihad ist alarmierend. Ich habe Angst um meine Heimat und meine Landsleute." In den Moscheen würden die Menschen beten für einen erfolgreichen Feldzug, auf den Straßen dafür mit Fahnen und dem Koran in der Hand marschieren. "Ich kann diese türkische Mentalität einfach nicht mehr verstehen", zeigt sich Asli Erdoğan fassungslos.

Ihr Namensvetter im Präsidentenpalast sehe seit dem gescheiterten Putsch im Juli 2016 eine ständige Gefahr, "vom Thron" gestoßen zu werden. Deswegen ziehe er alle Register (auch bereits im Hinblick auf die Wahl im kommenden Jahr), die Mehrheit hinter sich zu versammeln, selbst um den Preis eines neuen Krieges.

Für den Dialog mit den türkischen Kurden sei das Vorgehen Ankaras gegen die Kurden in Syrien fatal: "Das ist desaströs und wird bei dieser Volksgruppe ein neues Trauma auslösen. Eine friedlich Lösung mit Ankara wird noch viel, viel schwieriger."

Die EU, so Asli Erdoğan weiter, könnte sehr wohl mehr Druck auf den "Sultan vom Bosporus" ausüben, "wenn sie nur wollte, sie ist größer und stärker als die Türkei". Wenn die Union nicht vehementer auf die eigenen Grundwerte wie Presse- und Meinungsfreiheit sowie Minderheitenschutz dränge, würde das langfristig auf sie selbst zurückfallen.

Bis zum Abschluss ihres Prozesses in der Türkei wird die Autorin in Deutschland bleiben und bei einer etwaigen lebenslangen Haftstrafe um politisches Asyl ansuchen: "Die Vorwürfe gegen mich sind falsch, ja kafkaesk. Deswegen soll ich in einer Zelle sterben?"

Asli Erdoğan wird am 3. Februar im Werk X, Oswaldgasse 35 A, 1120 Wien, ab 19.30 Uhr auftreten.