Politik | Ausland
18.03.2018

Erdogan: Kurdische Hochburg Afrin erobert

Mehr als 200.000 Menschen sollen aus der kurdischen Stadt Afrin in Syrien geflüchtet sein. Erdogan am Sonntag: "Haben vollständige Kontrolle über das Stadtzentrum übernommen." Berichte über Plünderungen von Wohnhäusern und Geschäften.

Die türkische Armee und ihre Verbündeten sind am Sonntag in die Stadt Afrin im Norden von Syrien vorgedrungen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die "vollständige" Eroberung des Stadtzentrums von Afrin verkündet. In den vergangenen Tagen sollen aus Angst vor der türkischen Offensive mehr als 200.000 Menschen aus der Stadt geflüchtet sein, in der vor allem Kurden leben. Diese Angaben kommen von der "Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte".

Erdogans Militäreinheiten hätten bereits die Kontrolle über mehrere Stadtviertel übernommen, teilte die Beobachtungsstelle am Sonntag mit. Ähnliches meldeten auch mit den türkischen Streitkräften verbündete Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) gegenüber der NachrichtenagenturReuters. Später hieß es von der Beobachtungsstelle sogar, die türkischen Truppen kontrollierten mittlerweile mehr als sie Hälfte von Afrin.

Erdogan: "Vollständige Kontrolle"

"Einheiten der Freien Syrischen Kräfte, die von der türkischen Armee unterstützt werden, haben heute Früh um 8.30 Uhr (Ortszeit, Anm.) die vollständige Kontrolle über das Stadtzentrum von Afrin übernommen", sagte Erdogan am Sonntag. Minenräumarbeiten seien im Gange. Die türkische Fahne und die der FSA wehten nun in der Stadt Afrin, sagte Erdogan. Eine Bestätigung von kurdischer Seite gab es zunächst nicht.

In der Stadt wird laut der Beobachtungsstelle für Menschenrechte weiter gekämpft. Ein Sprecher der mit der Türkei verbündeten FSA erklärte, die Rebellen seien "von Osten und Westen" in die Stadt vorgedrungen und bisher nicht auf Gegenwehr gestoßen. Die Kämpfer der kurdischen YPG-Miliz hätten sich zurückgezogen, sagte der Rebellensprecher.

Einwohner vor Ort sagten, die noch anwesenden Zivilisten versteckten sich in Kellern. In den vergangenen Tagen hatten die türkischen Einheiten und ihre Verbündeten die Schlinge um die Stadt Afrin immer enger gezogen.

Plünderungen: Lebensmittel, Ziegen, Motorräder

Nach ihrem Einmarsch plünderten protürkische Rebellen dort Wohnhäuser und Geschäfte. Die mit Ankara verbündeten Kämpfer hätten am Sonntag damit begonnen, "das Eigentum der Einwohner zu plündern, ebenso wie politische und militärische Gebäude, aber auch Geschäfte", berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Auch Reporter der Nachrichtenagentur AFP beobachteten zahlreiche Plünderungsszenen.

Die protürkischen Kämpfer hätten demnach wahllos Güter auf ihre Pick-Ups geladen - Kisten mit Lebensmitteln, Ziegen, Decken und sogar Motorräder, bevor sie die Stadt verließen. Mit Traktoren hätten die Rebellen auch Autos aus der Stadt hinausgeschleppt.

Türkische Attacken seit Jänner

Die "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" ist eine Organisation mit Sitz in Großbritannien und wird oft als oppositionsnah bezeichnet. Sie bezieht ihre Angaben aus einem Netzwerk von Informanten vor Ort. Die Angaben können von unabhängiger Stelle kaum überprüft werden.

Die Türkei geht seit Jänner mit verbündeten syrischen Islamisten in der Region Afrin gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten ( YPG) vor. Die türkische Regierung bezeichnet die YPG wegen ihrer engen Verbindungen zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als Terrororganisation. Erdogan hatte gedroht, nach Afrin auch Manbij und andere Städte in der Region anzugreifen.