Politik | Ausland
25.05.2018

Terroristen, Kriegsverbrecher, Helfer: Kampf um Syriens Wasser

Jahrelang wurde um die Kontrolle über die Wasserversorgung der Millionenstadt Damaskus gekämpft. Bis sie zerstört war. Mit Hilfe aus Österreich wird sie wieder aufgebaut.

Es war immer die kühle, frische Bergluft und das gute Wasser, das die Wohlhabenden im Sommer aus Damaskus nach Nordwesten in den "Anti-Libanon" (Griechisch: "Gegenüber dem Libanon") gelockt hat. Elisabeth Cerny nennt es "die Ausflugsregion der Damaszener". Die Mitarbeiterin des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK) war gerade dort. Nicht um sich zu erholen, sondern um sich für ein humanitäres Projekt ihrer Organisation im dort liegenden Barada-Tal umzusehen. 

Das einstige Naherholungsgebiet hat sich nämlich stark verändert, seit die Österreicherin vor einem Jahrzehnt in Syrien gelebt und im damals noch friedlichen Land irakische Flüchtlinge versorgt hat. Im Syrien-Krieg wurden die kleinen Orte entlang des Barada-Flusses zu einem Dauerbrennpunkt und fast vollends zerstört.

Zwischen all den einst schönen Häusern und Gärten mit den zahlreichen Swimmingpools liegt eine strategisch wichtige Ressource. Hier sprudelt schon seit der Zeit der Römer Quellwasser aus dem Boden. Die größte Quelle in Al-Fijeh hat eine ähnliche Bedeutung für Damaskus und seine Umgebung, wie die Hochquellleitungen aus der Steiermark für Wien.

2012 fiel diese Anlage in die Hände von Rebellen, für die sie fortan eine gewichtige Verhandlungsmasse war: Sie spielten mit einer terroristische Drohung gegen die Quelle und damit gegen eine Millionenstadt. Diese Gefahr musste man ernst nehmen, denn die großteils islamistischen Rebellen dort bestanden unter anderem aus Kämpfern der "Jabhat Fatah al Sham" - einer aus der Al-Quaida herausgesplitterten Miliz. Doch die schlimmsten Ängste vor einer Terroraktion wurden vorerst nicht wahr. "Das Gebiet war immer heiß umkämpft, aber die Wasserquellen wurden nie zerstört", sagt Cerny.

Doch gelegentlich wurde die Wasserversorgung für einige Zeit gekappt, um die Regierungstruppen von Angriffen gegen Verbündete - auch in anderen Gebieten - abzuhalten.

2016, als sich die Gunst des Bürgerkriegs mit russischer Unterstützung zugunsten des Assad-Regimes drehte, wollte die Regierung diese Abhängigkeit nicht mehr hinnehmen. Die Armee rückte ins Tal vor - selbst nachdem ein Waffenstillstand im Land ausgerufen worden war. 

Und dann schienen sich die Befürchtungen doch zu bestätigen. Am 23. Dezember 2016 trockneten die Rohre in Damaskus plötzlich aus. Die UNO alarmierte die Weltgemeinschaft: Über vier Millionen Menschen hatten kein Wasser. Nur noch 30 Prozent des Bedarfs konnten aus Ersatzquellen und Brunnen gedeckt werden.

Darüber, was passiert war, tobte eine Propagandaschlacht. Entweder hatte die Armee die Quelle bei einem Luftanschlag getroffen - das sagten die Islamisten. Oder die Islamisten hatten das Wasser vergiftet und die Leitungen gesprengt - das sagte das Assad-Regime. Es gab Videos, die beide Seiten zu bestätigen schienen: Von Luftangriffen in Al Fijeh, aber auch von Islamisten, die zur Abschreckung und Drohung Sprengstoff in den Tunneln darunter anbrachten.

Wer die Täter waren, wusste man anfangs noch nicht sicher. Die UNO sagte, die Quellen funktionieren "wegen gezielter Beschädigung der Infrastruktur" nicht. Ein Bericht einer unabhängigen UN-Kommission an den Menschenrechtsrat fand einige Wochen später aber klare Worte: Die Al-Fijeh-Quelle sei von der Regierung mit Luftschlägen zerstört worden, wahrscheinlich gezielt. Und da sie ein "unverzichtbares Objekt für das Überleben der Zivilbevölkerung" sei, sei das ein "Kriegsverbrechen". Eine absichtliche Verunreinigung des Wassers sei unterdessen nicht zu beweisen. Möglicherweise sei bei den Kämpfen aber ein Tank getroffen worden und so Treibstoff ins Wasser gelangt.

Die Quelle (großes Gebäude links oben) in Al-Fijeh vor und nach der Offensive

Insgesamt blieb das Wasser in Damaskus jedenfalls für 44 Tage weg. Ende Jänner 2017 nahmen die islamistischen Rebellen dann doch einen Rückzugsdeal an. Sie übergaben das Gebiet der Regierung. Hunderte Kämpfer und Angehörige ließen sich im Gegenzug nach Idlib bringen, damals eine der letzten Rebellen-Hochburgen.

In den Dörfern des Tals ist die Infrastruktur auch heute noch immer nicht repariert, aber direkt an der Al-Fijeh-Quelle begannen die Reparaturarbeiten sofort. "Bis Juli setzte der Rote Halbmond die Quelle instand", sagt Georg  Ecker. Auch der Experte für Wasserversorgung beim Roten Kreuz hat das Barada-Tal kürzlich mit Cerny gemeinsam besucht.

Ist es dort heute sicher? Kampfhandlungen bemerkt man dort nicht mehr, berichten die beiden Helfer. Ganz anders als etwa in Damaskus selbst, wo man die dramatischen Kämpfe um das Flüchtlingslager Jarmuk während des Besuchs ständig gehört und aus der Ferne auch immer Rauchschwaden gesehen habe. Das Regime will die Quellen auf keinen Fall noch einmal aus der Hand geben. "Es ist, was man halt 'sicher' nennen kann. Es gibt eine sehr starke Militärpräsenz", sagt Cerny.

Während Zerstörung das so wichtige Tal durchzog und die Wasserversorgung bedrohte, verdoppelte sich auch noch die Bevölkerung von Damaskus. Viele Inlandsflüchtlinge ließen die Stadt von 2,5 Millionen auf etwa 5,5 Millionen Menschen anwachsen. Das Barada-Tal sorgt für zwei Drittel ihrer Wasserversorgung, die Infrastruktur muss dringend ausgebaut werden. 

Damaskus 2011 und 2017 im Satellitenbild-Vergleich

Cerny und Ecker sollen dabei nun helfen. Das ÖRK unterstützt eine Initiative des Syrisch-Arabischen Roten Halbmonds (SARC) für den Wiederaufbau und Ausbau der Wasserversorgung. 500.000 Euro steuert die ÖRK-Aktion "Nachbar in Not" bei, Projektleiterin Cerny und Wasserexperte Ecker sollen außerdem mit ihrem Knowhow aushelfen, damit im Ort Bassimeh eine kleinere Quelle repariert werden kann.

Geht alles gut, könnte Damaskus dadurch in etwa zwei Jahren um 1,3 Prozent mehr Wasser zur Verfügung haben. Da bei der Al Fijeh-Quelle der Wasserstand im Moment auch noch niedrig ist, ist das Projekt umso wichtiger. Für die Wiederbesiedelung der angrenzenden Dörfer ist sie sogar unverzichtbar.

Die vom ÖRK-Projekt betroffene Quelle wurde von Plünderern oder Vandalen zerstört, erzählt Ecker nach seinem Lokalaugenschein. Wer genau das war, weiß man nicht. Das ist nicht unwesentlich. Das Norwegische Rote Kreuz lehnte zum Beispiel manche Arbeiten im Tal ab, weil die Regierung die Schäden selbst verursacht hatte und sie dann auch beheben solle. Eine Absprache mit der Regierung ist gleichzeitig aber unumgänglich. Nur sie kann Großprojekte umsetzen und die Infrastruktur betreiben. Die Hilfsorganisationen können nur Reparaturarbeiten übernehmen. "Da gibt es einen konstanten Austausch zwischen Regierung und SARC", sagt Ecker.

Politisch ist das ein schwieriger Spagat: Eine funktionierende Versorgung stützt ja immer auch die Machthaber. Im Endeffekt zählt für das Rote Kreuz und den Roten Halbmond aber nur die Linderung menschlichen Leids, dafür arbeitet man mit jedem zusammen - seien es die autonomen Kurdengebiete, islamistische Gruppierungen oder eben das Regime in Damaskus. "Wir wollen diesen Millionen Menschen helfen und sie mit Wasser versorgen, egal wie es um die Politik steht. Wenn sie sonst krank werden sind es die nächsten, die abwandern müssen. Damit gewinnt man nichts.“ sagt Ecker.

Hintergrund: Seit 2011 tobt in Syrien ein Bürgerkrieg. Anfangs richteten sich im Rahmen des "Arabischen Frühlings" friedliche Demonstrationen gegen die Regierung von Baschar al-Assad. Dieser wurde allerdings mit Gewalt niedergeschlagen, sodass sich auch gewaltsamer Widerstand bildete. Zunehmend mischten sich Islamisten unter die Rebellen, auch die Terrororganisation Islamischer Staat breitete sich aus dem Irak heraus ins Land aus. Das Regime konnte sich dank Unterstützung aus Russland und dem Iran halten und schlussendlich die Oberhand gewinnen. 11,6 Millionen Menschen sind auf der Flucht, davon 6,3 innerhalb Syriens.