Trauer in Nizza

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Immer wieder Frankreich
07/15/2016

Terrorismus-Experte: "Nationalfeiertag war perfides Kalkül"

Die sozio-ökonomische Lage, das Anti-IS-Engagement und der radikale Islam an Brennpunkten begünstigen den Terror.

von Karoline Krause-Sandner

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Der 14. Juli erinnert die Franzosen an den "Sturm auf die Bastille" und das Ende des Absolutismus. Jedes Jahr feiern Franzosen mit einer großen Parade ihr Föderationsfest. Truppen, Kampfflugzeuge, Feuerwerke – gepaart mit Tanz und Kulinarik und in vielen Städten großen Feuerwerken. Die Franzosen sind – trotz allen wirtschaftlichen, politischen oder sozialen Schwierigkeiten – stolz auf ihre Nation.

Der 14. Juli bot nicht nur die Möglichkeit, eine große Menschenansammlung zu treffen, so der deutsche Terrorismusexperte Rolf Tophoven, sondern hat auch hohen symbolischen Wert: "Das war perfides Kalkül, man denke an den medialen Hype!"

Nach dem Angriff auf die Presse (Charlie Hebdo), jenem auf den Lebensstil ("Bataclan") folgte ein Massenmord an dem Tag, an dem die Franzosen – trotz allen Differenzen – Seite an Seite feiern.

Warum immer wieder Frankreich?

Es scheint, als müsste man in diesem Land immer eine Terrorattacke vermuten. Tophoven ortet vier Hauptgründe für die Anfälligkeit Frankreichs für Terrorattacken, insbesondere islamistischer Natur:

Anti-IS-Kampf

In der internationalen Koalition im Kampf gegen die Terrormiliz IS hat Frankreich eine führende Rolle. Rund 10.000 französische Soldaten sind in Syrien, im Irak, aber auch in anderen muslimisch geprägten Staaten wie Mali im Einsatz, wo immer wieder auch Zivilisten getötet werden.

Nordafrika-Nähe

Die Kolonialgeschichte mit Algerien, Tunesien und Marokko verstärkt sozio-ökonomische Schwierigkeiten. Rund sieben Millionen Muslime leben in Frankreich. Viele haben ihre Wurzeln in Nordafrika.

Banlieues

Und die meisten von ihnen leben in sozial benachteiligten Randzonen der Großstädte, etwa in den Vororten von Paris. Diese "Banlieues" sind voll von benachteiligten Jungen, die leichte Beute für islamistische Rekrutierer sind. Perspektivenlosigkeit, Ausgrenzung, Chancenungleichheit und Arbeitslosigkeit begünstigen die Radikalisierung: Der Salafismus bietet ein Auffanglager. Insbesondere die Gefängnisse, in denen junge Kleinkriminelle oft landen, sind Brutstätten des Terrorismus.

Französische Islamisten gelten als besonders radikal. Der deutsche Ex-IS-Kämpfer Harry S., hat bei seinem Prozess auf die Frage, ob er Leute kenne, die in Deutschland Anschläge verüben würden, gesagt: "In Frankreich gibt es genügend Kämpfer, die in England und Deutschland kriegen dagegen immer wieder kalte Füße."

Lebensstil

Und für Islamisten bietet der freie französische Lebensstil eine besonders willkommene Angriffsfläche. Alkohol, gutes Essen und Feste lassen sich leicht verteufeln.