Provokateurin Cheng Li-wun: Taiwans Oppositionschefin besucht China

Taiwans neue Oppositionschefin Cheng Li-wun trifft in Peking auf Chinas Präsidenten Xi Jinping, um „den Frieden zu sichern“.
KMT Chairperson Cheng Li-wun to visit China

Kurz bevor Mao Zedong mit seinen Kommunisten in China die Macht übernahm, entschied sich sein Erzfeind für die Flucht. General Chiang Kai-shek, der das Land zuvor 20 Jahre lang regiert hatte, zog sich mitsamt seiner Kuomintang (KMT) auf die Insel Taiwan zurück. Dort führte er die Republik China weiter, während Mao auf dem Festland die Volksrepublik ausrief.

Heute hat die KMT auch die Kontrolle über Taiwan verloren. Die Insel hat sich zu einer blühenden Demokratie entwickelt, seit 2016 regiert die Demokratische Fortschrittspartei (DPP). Sie versteht Taiwan als eigenständigen Staat und setzt auf die Nähe zu den USA. Die KMT dagegen sieht Taiwan weiter als Teil Chinas – den einzigen, der nicht kommunistisch besetzt ist – und ist auch deshalb seit Jahren in der Opposition.

An der Spitze der Partei steht seit kurzem Cheng Li-wun. Eine Politikerin, die so offensiv wie kaum jemand zuvor den Dialog mit China sucht – um Taiwan „zu schützen“, wie sie sagt. Am Dienstag reiste die 56-Jährige nach Peking, um dort noch in dieser Woche Präsident Xi Jinping zu treffen. Es ist das erste Treffen dieser Art seit zehn Jahren.

Groß, laut, feurig

Cheng ist in jeder Hinsicht eine außergewöhnliche Politikerin. Mit ihren 1,78 Metern Körpergröße überragt sie die meisten taiwanischen Männer. Auch sonst nimmt sie gerne Raum ein: Ihre Hosenanzüge sind meist bunt, ihr Lachen laut, ihre Reden feurig und provokant. 

TAIWAN-POLITICS

Cheng Li-wun hat einen leidenschaftlichen, lauten Redestil.

Seit Jahren behauptet Cheng, die regierende DPP provoziere mit ihren Unabhängigkeitsbestrebungen eine Invasion der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Dabei war Cheng einst selbst eine lautstarke Verfechterin der taiwanischen Unabhängigkeit. Als Studentin beteiligte sie sich an Protesten gegen die auslaufende KMT-Militärdiktatur. 

Von 1996 bis 2000 saß sie für die DPP im Parlament, verließ die Partei jedoch zwei Jahre später. Sie habe erkannt, dass die Unabhängigkeit „unrealistisch“ sei, so Cheng: „Auch innerhalb der DPP glaubt niemand daran. Sie nutzen das Ziel der Unabhängigkeit als politisches Werkzeug.“

Glückwünsche aus China

Zunächst versuchte die Juristin erfolglos, alleine zu kandidieren, 2002 wechselte sie schließlich zur Kuomintang. Als der Parteichef Lien Chan drei Jahre später zur ersten Reise eines KMT-Vorsitzenden nach China aufbrach, war Cheng Teil seiner Delegation. Anschließend machte sie sich immer deutlicher für eine Annäherung an Peking stark. Vor allem im Fernsehen, wo sie zwischenzeitlich eine politische Talkshow moderierte.

Mit ihrem Versprechen, den Dialog mit dem Festland und damit „Frieden und Stabilität in der Taiwan-Straße zu sichern“, gewann sie das Rennen um den KMT-Parteivorsitz im Oktober. Unmittelbar nach ihrem Wahlsieg erhielt sie eine Nachricht von Xi Jinping, der ihr gratulierte und sie nach Peking einlud.

Taiwans Regierung sieht die Reise der Oppositionschefin kritisch: „Parteikontakte können keine offiziellen Kommunikationskanäle ersetzen“, heißt es in einer Stellungnahme. Einige Kritiker aus den Reihen der DPP äußerten gar den Verdacht, Cheng handle im Auftrag Pekings. Laut den New York Times wird zumindest Chengs Social-Media-Auftritt massiv von chinesischen Profilen unterstützt.

Cheng stellt Taiwans nationale Identität in Frage

In ihrer Nähe zu China stellt Cheng sogar die taiwanische Identität infrage: „Was ist denn Taiwan? Es ist ein kulturelles und geografisches Konzept, aber kein rechtliches Konzept einer modernen Nation“, sagte sie kürzlich dem Economist. Das ist auf der Insel längst nicht mehr mehrheitsfähig, wo sich Umfragen zufolge zwei Drittel der Bevölkerung eben nicht als Chinesen sehen.

Dass die polarisierende Parteichefin bei den Präsidentschaftswahlen 2028 auch als KMT-Spitzenkandidaten ins Rennen geht, ist daher nicht in Stein gemeißelt. Selbst innerhalb der Partei gibt es Widerstand. Entscheidend dürfte sein, welche Bilder sie aus Peking mitbringt.

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