Politik | Ausland
04.10.2017

Moscheen öffnen ihre Türen: Ein paar Fragezeichen weniger

Viele Menschen reden über den Islam, die wenigsten wissen etwas darüber oder kennen Muslime. Damit sich das ändert, öffneten gestern mehr als 1000 Gebetsstätten in Deutschland ihre Türen.

Nihat Yanc sieht die Fragezeichen in den Gesichtern der Menschen, immer wieder – auf der Straße, wenn er mit der Familie unterwegs ist oder am Arbeitsplatz, wenn er mal kurz mit einem Kollegen Türkisch spricht. Aber Fragezeichen haben auch etwas Gutes, denn so kommt man ins Gespräch. Und das sucht Nihat Yanc, gebürtiger Türke, immer wieder, damit wir "voneinander lernen und uns besser verstehen." Auch gestern, als seine Moschee "Emir Sultan" in Schöneberg ihre Türen für Besucher öffnete – genauso wie mehr als 1000 islamische Gebetshäuser in ganz Deutschland - alles unter dem Motto: "Gute Nachbarschaft - bessere Gesellschaft". Seit 20 Jahren ist der "Tag der Deutschen Einheit" auch "Tag der offenen Moschee". Muslime verstehen sich ebenfalls als Teil der Einheit, heißt es vom Zentralrat der Muslimen in Deutschland. "Wir wollen auch unseren Beitrag dazu leisten, indem wir Gemeinden öffnen", erklärte der Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats.

Und dann stehen manchmal mehr Schuhe als sonst in den Vorräumen der Gebetsträume. Auch in der "Emir Sultan Moschee" ruft der Muezzin kurz nach 13 Uhr zum Gebet auf, etwa fünfzig Männer knien auf dem orangenfarbenen Teppich. "Das ist das erste Mal, dass ich hier drinnen bin," flüstert eine Besucherin in den hinteren Reihen. Von außen war sie sich nie sicher, ob das jetzt ein Kulturverein oder eine Moschee sei. Eine junge Studentin, ebenfalls muslimisches Gemeindemitglied, erklärt ihr später im Berliner Dialekt, dass es ein Verein sei, weil es hier auch eine Koranschule und Türkischkurse gibt, oder sich die Frauen "einfach mal zum Kaffeeklatsch treffen". Die Besucherin staunt. In Deutschland gibt es dem Zentralrat zufolge rund 2500 Moscheen. Viele lägen in Hinterhöfen, nur etwa 900 seien öffentlich erkennbar.

Nihat Yanc, der im Brotberuf seit 30 Jahren als Kunststoffformgeber arbeitet, ist überzeugt, dass vor allem direkte Gespräche helfen. Denn viele Menschen reden zwar über den Islam, kennen aber keine Muslime - "umso wichtiger ist es, die Informationen über den Islam aus erster Hand zu bekommen", meint Yanc. Nach dem Terror vom 11. September 2001 war das Interesse besonders groß, berichtet er. Und jetzt nach den Anschlägen in Europa? "Das sind keine Muslime, ein Moslem würde so etwas nie tun." Nihat Yanc wirkt nachdenklich. Er versuche den Menschen immer wieder klar zu machen, nicht alle Muslime in einen Topf zu werfen.

Damit haben auch andere in seiner Gemeinde an diesem Tag zu tun. Eine junge Frau erklärt einem Besucher, dass es manchmal einfacher ist, kurz in seine Muttersprache zu "switchen", etwa wenn es für ein Wort keine Übersetzung gibt. Nihat Yanc klinkt sich in das Gespräch ein, es geht um das Thema Kopftuch. Der Besucher kann fast nicht glauben, dass sich Muslime in Berlin dafür rechtfertigen müssen. Früher hätten doch auch alle älteren Frauen am Land eines getragen. Ob es denn hier in der Gemeinde Pflicht sei, eines zu tragen, will er wissen. "Schauen Sie, es ist wie wenn einer bei Rot über die Ampel geht. Die Regel sagt, du sollst bei Grün gehen, manche gehen bei Rot, das ist okay. Es muss jeder für sich entscheiden, jeder soll so leben können, wie er es für richtig hält - und das auch bei anderen tolerieren", erklärt Yanc. Politisches wollte er an diesem Tag eigentlich nicht kommentieren, die Gemeinde stehe im Vordergrund. Dennoch meinte er während des Gesprächs, es wäre gut, wenn auch einmal Politiker in die Moschee kommen würden, um zu sehen, wie sie hier leben. "Die Tür steht jedem offen."