Politik | Ausland
09.08.2018

Syriens First Lady hat Brustkrebs: Von der "Rose" zur "Hexe"

Neben Genesungswünschen steht die Frage, ob man der Gattin eines möglichen Kriegsverbrechers Schlechtes wünschen darf.

Asma al-Assad, für viele eine Reizfigur, ist an Brustkrebs erkrankt. Die Frau des syrischen Machthabers Bashar al-Assad hatte nach der Hochzeit im Jahr 2000 Hoffnungen auf eine demokratischere Zukunft Syriens geweckt. Attraktiv, gebildet, in London aufgewachsen, wurde sie vom Magazin Vogue sogar als „Rose in der Wüste“ gepriesen. Sie sollte das hübsche Gesicht einer fortschrittlichen Regierung in Damaskus sein. Mittlerweile ist Syrien in einen mörderischen Bürgerkrieg geschlittert, ihr Ehemann versucht mit allen Mitteln an der Macht zu bleiben. Dazu gehören auch Chemiewaffen gegen das eigene Volk. "Einst Prinzessin, heute Hexe von Syrien", titelte das Politmagazin Cicero über Asma al-Assad

Nach mehr als sieben Jahren Krieg summieren sich die Schäden einer neuen UN-Schätzung zufolge auf rund 334 Milliarden Euro. Seit Kriegsbeginn 2011 sind mehr als die Hälfte der Syrer entweder zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden oder ins Ausland geflohen. Mehr als 350.000 Menschen wurden getötet.

Nach Brustkrebs-Diagnose Botschaft ans Volk

Auch jetzt, nachdem sich die Nachricht von ihrer Krankheit verbreitet hat, zeigt sich Asma al-Assad Facebook und Instagram mit einem Lächeln. Selbst in dieser Situation verbindet die 42-Jährige ihr persönliches Schicksal mit jenem des geschundenen Landes: „Ich bin aus diesem Volk, das die Welt lehrte, den Widrigkeiten zu trotzen. Meine Entschlossenheit kommt von eurer Entschlossenheit und Stärke in den letzten Jahren.“

Unter dem Posting gibt es hunderte Genesungswünsche in arabischer Sprache, einige davon sehr salbungsvoll und nahe an der Regimepropaganda. "Er (Bashar al-Assad, Anm.) hat den Krebs von Syrien in sieben Jahren geheilt. … Unsere Herzen und dein Volk sind mit dir", schreibt eine Userin.

"Du bist das Volk", schreibt ein anderer. "Du hast dich an der Seite des großen Löwen von Syrien gehalten, trotz allem, was du durchgemacht hast, und du hast den Krebs der Welt, den schwarzen Terrorismus bekämpft." Das "große Herz der Königin" wird hervorgehoben. Aber: "Sie hat ihren Körper zerstört, das ist Realität."

Moralische Frage: Ist Freude erlaubt? 

Negative Kommentare sind im Netz derzeit noch in der Minderzahl. Auf dem Facebook-Account der Bild-Zeitung schreibt ein Nutzer: "Warum sie? Er mit Krebs würde besser passen: ein tödliches Geschwür."

Die Bild-Zeitung selbst berichtet von hämischen Kommentaren: "Hoffentlich erholt sie sich nie!" oder "Ich wünsche ihr einen langen, schmerzvollen Tod" sollen Menschen auf Twitter geschrieben haben.

Das Boulevardblatt fragt sich: "Darf man sich freuen, dass Syriens mörderische Mutter Krebs hat?" Der Bild-Autor versucht, das mit religiöser Ethik zu beantworten: "Das mag menschlich sein. Aber christlich ist das nicht. Denn nach christlichem Verständnis straft Gott so nicht." Bei aller Abscheu gegenüber dem Ehepaar Assad seien Christen "aufgerufen zu beten. Auch für ihre Feinde, auch für die Bösen". Und es werde "ein gerechtes Gottes-Urteil geben für Asma al-Assad", aber erst dann, "wenn sie einmal vor Gott treten muss“. So weit die Glaubensauslegung der Bild-Zeitung.

Ihre britischen Freunde nannten sie „Emma“

Aber wer ist Asma al-Assad hier im Diesseits? Sie wurde in Großbritannien als Tochter des sunnitischen Herzchirurgen Fawaz Akhras aus Homs und einer syrischen Diplomatin geboren. Aufgewachsen ist Asma im Londoner Stadtteil North Acton. Ihre Freunde nannten sie Emma. Sie besuchte die Mädchenschule Queen's College und studierte anschließend Informatik am Londoner King's College.Als sie ihren zukünftigen Mann kennenlernte, arbeitete sie als aufstrebende und auch an Wochenenden erreichbare Investmentbankerin bei JP Morgan. „Ich habe meine Arbeit immer sehr ernst genommen und plötzlich begann ich, an den Wochenenden freizunehmen oder zu verschwinden. Was hätte ich sagen sollen: 'Ich treffe mich mit dem Sohn eines Präsidenten?'“, erzählte al-Assad der Modezeitschrift Vogue. Bashar al-Assad studierte Augenheilkunde in London, bis er von seinem Präsidenten-Vater 1994 nach Syrien beordert wurde. Er sollte nach dem Tod seines älteren Bruders Bassel bei einem Autounfall auf die Herrschaft vorbereitet werden.

Asma al-Assad: Bilder der syrischen "First Lady"

Asma al-Assad

1/10

Zu Besuch bei Königin Elizabeth in London, Dezember 2002

46-29843537

Im Gespräch mit dem KURIER in Wien, April 2009

Vor dem Hotel Bristol in Paris, Dezember 2011

In einer Schule für Töchter gefallener Soldaten in Damaskus im Jänner 2014

Im Wahllokal während der Präsidentschaftswahl im Juni 2014

Muttertagsfeier in Damaskus im März 2016

Bei der Stimmabgabe für die Parlamentswahl im April 2016

Besuch in einer Schule für Kinder gefallener Soldaten, September 2017

Bei einer Trainingsveranstaltung für Unternehmer in Damaskus, Mai 2018

Im Krankenhaus zu Beginn ihrer Krebsbehandlung, August 2018

Bewunderung im Westen

Das Paar heiratete 2000. Im selben Jahr wurde Bashar al-Assad mit 97 Prozent zum syrischen Präsidenten gewählt. Mit dem neuen Staatschef und seiner scheinbar von westlichen Idealen geprägten Frau keimte in dem arabischen Land die Hoffnung auf einen demokratischen Wandel. Die Welt war hingerissen von ihrem makellosem Aussehen. Westliche Medien beschrieben die dreifache Mutter als fortschrittlich, gebildet und elegant. Paris Match schrieb über die "Lady Diana des Orients".

Zudem pflegte sie das Erscheinungsbild einer Frau, die dazu bestimmt sei, dem zunehmend verschlossenen und isolierten Assad-Clan ein menschliches Gesicht zu verleihen. Als sunnitische Araberin konnte sie ihrem Mann auch dabei helfen, sich als Führer aller religiösen Gruppen im Land darzustellen. Denn der Assad-Clan ist alawitisch.

Sie gab der Herrscherfamilie in Damaskus auch einen Hauch von Glamour. Stets präsentierte sie sich schick angezogen mit einer Vorliebe für Schuhe von Christian Louboutin und Chanel-Kostüme. Einer der Höhepunkte ihres Luxuslebens war ein Abendessen mit Angelina Jolie und Brad Pitt.

E-Mail-Zitat: "Ich bin der wirkliche Diktator"

Das Image einer aufgeklärten Frau mit westlichen Idealen begann im Jahr 2011 zu bröckeln, als ihr Ehemann gewaltsam gegen Proteste in Folge des „Arabischen Frühlings“ vorging. 2012 veröffentlichte die britische Zeitung The Guardian E-Mails, die den Assads zugeschrieben werden. Sie zeichnen das Bild der launenhaften Ehefrau eines Herrschers, die Zehntausende Euro für Schmuck, Designermöbel und venezianische Glasvasen ausgibt. "Ich bin der wirkliche Diktator, er hat keine Wahl", heißt es in einem Asma zugeordneten Mail über ihren Mann.

Bereits im Februar hatte sie Bashar ihrer Unterstützung versichert. "Der Präsident ist der Präsident von ganz Syrien, nicht nur eines Teils, und die First Lady unterstützt ihn bei dieser Aufgabe", sagte sie.

Imagepflege durch Werbeagenturen

Ein Bericht der New York Times im Jahr 2012 machte publik, dass die Assads Werbeagenturen in den USA und in Europa beschäftigt hatten, um positiv in westlichen Medien dargestellt zu werden. Neben dem Porträt in der Vogue, kurz vor dem Beginn des Regimes mit der blutigen Niederschlagung der Protestbewegung seiner Bürger, erschienen Artikel über Asma al-Assad in der Paris Match, der französischen Elle und der Huffington Post. Die Vogue zog ihren Online-Artikel kurz darauf zurück. Chefredakteurin Anna Wintour verurteilte in einer Erklärung das grausame Vorgehen der Assad-Regierung gegen die eigene Bevölkerung.

In einem Interview im Jahr 2016 mit dem TV-Sender Russia 24 warf Asma al-Assad westlichen Medien vor, einseitig über den Konflikt zu schreiben. Diese würden über das tragische Schicksal syrischer Kinder wie dem ertrunkenen Aylan berichten, aber zu Massakern schweigen, die Terroristen begangen hätten und bei denen ebenfalls viele Kinder ums Leben gekommen seien. "Der Tod eines jeden Kindes ist ein Verlust für Syrien", sagte sie damals in ihrem ersten Interview seit Ausbruch des Konflikts im Frühjahr 2011. Sie habe außerdem mehrere Angebote zur Flucht aus dem Land abgelehnt. Diese seien ein Versuch gewesen, den Glauben der Menschen in ihren Präsidenten zu erschüttern.

Inszenierung als fürsorgliche Landesmutter

Mittlerweile sind mehr als 350.000 Menschen im syrischen Bürgerkrieg gestorben. Während das international Empörung auslöst, inszeniert sich Asma al-Assad als fürsorgliche Landesmutter. Auch dann, als ihr Ehemann die Heimatstadt ihrer Familie, Homs, dem Erdboden gleichmachen ließ. 

Auf Instagram zeigt sie Fotos von sich, auf denen sie gemeinsam mit lachenden, glücklichen Kindern zu sehen ist. Zum syrischen Muttertag am 21. März postete sie dieses Jahr ein Bild, auf dem sie lachend mit Soldatinnen abgebildet ist.

Genau zu dieser Zeit belagerten Regierungstruppen die Rebellenregion Ost-Ghouta. Rund 400.000 Zivilisten waren dort eingeschlossen und nach Angaben von Menschenrechtlern wurden Chemiewaffen eingesetzt. Zwei Tage vor dem Posting sind bei einem Luftangriff nach Angaben von Aktivisten 15 Kinder getötet worden, die sich in einer Schule versteckt hielten.

Auch nach Krebsdiagnose: Lachende Assads

Die Regierungstruppen konnten seit 2015 mit militärischer Unterstützung Russlands und des Iran einen großen Teil des Landes zurückerobern. Das Assad-Regime plant bereits den Wiederaufbau des Landes. 

In diese für das Ehepaar Assad positive Nachrichtenlage platzte nun die Diagnose Krebs. Der bösartige Brusttumor wurde allerdings laut Regierungsangaben früh erkannt. Auch die ersten Fotos aus dem Krankenhaus zeigten das übliche Bild: Die lachenden Assads.

(Verwendet wurden Teile eines Porträts von Maria Golovnina/Reuters)