Kämpfer der Volksgruppen der Dinkas und der Nuer bekämpfen einander bis aus Blut

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Südsudan
07/09/2015

Der jüngste Staat der Welt versinkt in Krieg und Chaos

Die Bilanz zum fünften Unabhängigkeitstag ist ernüchternd: Zwei Ethnien bekämpfen einander bis aufs Blut.

von Walter Friedl

Resolut winken die drei Soldaten jeden Motorradlenker an den Straßenrand. Rucksäcke und Taschen werden penibel inspiziert. Auch Autos müssen an den diversen Checkpoints in der südsudanesischen Hauptstadt Juba anhalten. "Guns (Waffen)?", fragt der Uniformierte und lässt seinen Blick streng durch den Fonds gleiten.

Gerade um den heutigen Unabhängigkeitstag, den fünften nach der Abspaltung vom Norden 2011, sind die Sicherheitskräfte besonders nervös. Denn in dem jüngsten Staat der Welt tobt ein Bürgerkrieg, der vor allem drei nordöstlich gelegene Provinzen erfasst hat (siehe Grafik).

"Gott ... erhalte uns vereint in Frieden und Harmonie", heißt es in der Hymne, die heute tausendfach gesungen wird. Doch der Traum davon wandelte sich spätestens im Dezember 2013 in einen Albtraum. Seit damals bekriegen einander Regierungstruppen von Präsident Salva Kiir und Einheiten von dessen früherem Stellvertreter Rick Machar. "Begonnen hat es mit einem Ringen um die Macht", sagt John Ashworth, der seit 32 Jahren in der Region lebt und als Ex-Priester die Kirchen berät. Doch schnell habe sich dieser Kampf der Alpha-Tiere entlang ethnischer Trennlinien entwickelt: Denn der eine, Salva Kiir, gehört dem Stamm der Dinkas an, der andere ist Nuer. Zehntausende Tote sind zu beklagen, zwei Millionen Menschen auf der Flucht (1,5 Millionen davon im Inland) – das ist ein Sechstel der Gesamtbevölkerung.

Lebendig verbrannt

Die Auseinandersetzung wird mit unglaublicher Brutalität geführt. Die UNO wirft den Regierungssoldaten vor, Mädchen und Frauen zu vergewaltigen und anschließend bei lebendigem Leib zu verbrennen, die Rekrutierung von Kindersoldaten (an die 13.000 sollen es sein) wird beiden Seiten angelastet. "Der Tribalismus zerstört unser Land", analysiert der Gouverneur des Bundesstaates Western Equatoria, Joseph Mario Bakasoro. Denn die Front verläuft nicht nur zwischen den beiden dominanten Volksgruppen im Südsudan, mittlerweile kochen in einigen Landesteilen Warlords ihr eigenes Süppchen und heizen den Konflikt zusätzlich an.

Bakasoro, dessen klare Worte nicht bei allen gut ankommen, weswegen er stets mit einer schwer bewaffneten Militäreskorte unterwegs ist, beklagt zudem, dass (fast) alle Mittel in den Krieg fließen: An die 45 Prozent des Budgets sind es laut offiziellen Angaben, Insider gehen aber von 75 bis 80 Prozent aus.

"Die Wirtschaft kollabiert", warnt der Gouverneur, der für seinen Bundesstaat in der Größe von Österreich mit einem Jahres-Etat von gerade einmal elf Millionen US-Dollar auskommen muss. Wegen der Kämpfe ist die Ölproduktion, in Wahrheit die einzige Einnahmequelle des Landes, von 235.000 Barrel (a 159 Liter) pro Tag auf 165.000 Barrel gesunken, der niedrige Ölpreis sorgt zusätzlich für klamme Staatskassen.

Neun Ampeln im Land

Das merkt man auch in Juba. Das große Diesel-Kraftwerk, das die Stadt mit Strom versorgt, läuft gar nicht oder auf Sparflamme, wenn überhaupt werden bloß Regierungsgebäude versorgt, Private sind auf eigene Generatoren angewiesen. In den einfachen Hütten um die Kapitale, die noch vor wenigen Jahren ein Dorf war und in der erst im Vorjahr die ersten neun Ampeln montiert wurden, gibt es sowieso nur Petroleum-Lampen. Landesweit sind die Straßen in einem erbärmlichen Zustand, selbst in Juba sind nur die Hauptrouten asphaltiert.Diese allgemeine Tristesse wird konterkariert von den diversen, klimatisierten Luxushotels der Stadt. An die 200 US-Dollar legt man dort für eine Nacht ab. Und weil viele kenianische sowie ugandische Investoren vom Öl-Business profitieren wollen (auch wenn es derzeit darniederliegt), kaufen sie sich in Juba ein: Durch den Bau-Boom sind die Grundstückspreise explodiert, für eine Mietwohnung mit 50 bis 60 Quadratmetern, die westlichen Standards genügt, muss man bereits 4000 US-Dollar pro Monat hinblättern. Wer sich das leisten kann in einem Land, in dem ein Lehrer 30 US-Dollar monatlich erhält? Internationale NGOs und die UNO, die zahlreich Personal entsandt haben – um die Menschen vor dem Hungertod zu retten: Denn 4,6 der 12 Millionen Einwohner sind von Lebensmittelknappheit bedroht.

Obwohl auch Regierungsvertreter den Ernst der Lage eingestehen, geht man mit den Helfern nicht zimperlich um. Weil UN-Koordinator Toby Lanzer vor einem Kollaps gewarnt hatte, wurde er im Juni zur persona non grata erklärt und des Landes verwiesen. Und jetzt debattiert das Parlament ein Gesetz, das die Möglichkeiten ausländischer NGOs beschränken und deren Mitarbeiterzahl im Südsudan limitieren soll. "Doch es gibt gar nicht genügend heimische Fachkräfte", so ein Helfer.

"Food is politics"

Der Hintergrund ist widerlich: In dem potenziell reichen Hungerstaat, in dem die Korruption blüht und es sich einige wenige richten konnten, werden selbst Nahrungsmittel zum Politikum – wer die Oberhoheit über die Verteilung hat, kann bei seinen Leuten punkten. "Food is politics", bringt es ein NGO-Mitarbeiter auf den Punkt. Aus diesem Grund hat Salva Kiir persönlich den Vorsitz im Department für "Nahrungsmittelsicherheit" übernommen.

UN-Sanktionen erwogen Der internationale Druck auf den Präsidenten, mit seinem Rivalen Machar endlich Frieden zu schließen, wird indes immer größer. UN-Sanktionen gegen Repräsentanten des Systems werden bereits angedacht. Doch das lässt die Akteure kalt. "Wie viele Kühe habe ich denn stehen in New York?", soll einer gesagt haben, "keine."

Und so begeht der Südsudan den Unabhängigkeitstag statt "in Frieden und Harmonie" in Krieg und Zwietracht.

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