© APA/AFP/Belga/THIERRY ROGE

Politik Ausland
06/10/2020

Sturm auf die Statuen von Belgiens Kolonial-König Leopold II.

Im britischen Bristol wurde der Sklavenhändler Colston vom Sockel gestürzt. Die Wucht der „Black-Lives-Matter“-Bewegung könnte nun auch die Denkmäler des umstrittenen belgischen Königs zu Fall bringen.

von Ingrid Steiner-Gashi

Auf einem großen, aber wenig beachteten Denkmal in Brüssels Jubelpark steht ein in schwarzer Farbe gesprühtes „Black Lives Matter“ zu lesen – das Motto der von den USA nach Europa übergeschwappten Anti-Rassismusbewegung. Das über hundert Jahre alte Denkmal erinnert an die „Heldentaten des belgischen Militärs“, das die „Zivilisation in den Kongo gebracht hat“.

Ein schwarzes Menschenleben aber zählte für die angeblichen „Zivilisationsbringer“ damals nichts.

Irgendeine Hinweistafel, dass Belgiens berüchtigte Kolonialherrschaft bis zu zehn Millionen Kongolesen das Leben gekostet hat, ist dort nicht zu finden.

Ebenso wenig wie an allen anderen Denkmälern für jenen Monarchen, der für dieses extrem grausame Kapitel der Geschichte Belgiens verantwortlich ist: König Leopold, der Zweite.

Zehn Millionen Tote

Der hatte im Freistaat-Kongo, seiner privaten Kolonie, zwanzig Jahre lang ein System unfassbarer Gräuel und Ausbeutung errichten lassen. Mittels Sklaverei wurde die Bevölkerung bei der Kautschukgewinnung eingesetzt.

Belgien wurde ungeheuer reich – den Menschen im Kongo aber wurden bei zu geringen Erträgen die Hände abgehackt. Zum Beweis, dass Leopolds mörderische Aufseher ihren Auftrag ernst nahmen, sammelten diese ganze Wäschekörbe voll mit abgehackten Händen.Da muten die jüngsten Ereignisse im britischen Bristol wie ein Fanal an: Aktivisten stürzten ein Denkmal des Kaufmanns und Sklavenhändlers Edward Colston vom Sockel und versenkten es im Fluss.

Ähnliches braut sich in Belgien schon lange zusammen. Seit Jahren fordern Aktivisten, die Denkmäler Leopolds zu entfernen. Mehr als 60.000 Menschen haben allein seit Sonntag eine Online-Petition der Gruppe „Reparieren wir die Geschichte“ dafür unterzeichnet, die Erinnerungen an den König aus dem Stadtbild Brüssels zu tilgen.

Sie pochen darauf, dass alle Statuen bis zum 30. Juni, dem Tag, an dem der 60. Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongo gefeiert wird, entfernt werden.

„Es ist völlig unverständlich“, sagt einer der Initiatoren, „dass Leopold II. noch immer in der Öffentlichkeit geehrt und als ,König der Erbauer’ anerkannt wird. Er war ein König der Vernichter.“

Die belgische Hafenstadt Antwerpen ging voran. Dort entfernten die Behörden am Dienstag eine Königsstatue und verräumten sie in einem Depot. Andere wollen nicht länger warten: Mehrere Statuen des umstrittenen Königs, darunter die Größte auf Brüssels Place du Trone, wurden beschmiert, Hände und Augen mit roter Farbe besprüht – als Symbol, wie viel Blutschuld der Langzeitherrscher auf sich geladen hat.

Aber nicht alle Belgier sind sich über eine Entfernung der Statuen, Büsten und Denkmäler des umstrittenen Königs einig. „Das ist unsere Geschichte, und die können wir nicht ungeschehen machen, indem wir einfach die Denkmäler abmontieren“, empört sich ein Passant vor dem beschmierten Leopolds-Denkmal im Brüsseler Zentrum.

Die Historikerin Amandine Lauro gibt hingegen zu bedenken: „Sind das wirklich die Menschen, die wir im öffentlichen Raum in den Vordergrund stellen wollen?“ Doch abgesehen von der nun aufgeflammten Diskussion um die Denkmäler fügt sie hinzu: Die Belgier hätten ihre koloniale Vergangenheit noch längst nicht aufgearbeitet.

In Brüssels Stadtrat will man nun eine öffentliche Debatte initiieren und verspricht: Sollte die Debatte ergeben, dass die Statuen verschwinden müssen, werde dies auch umgesetzt.

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