© APA/AFP/ISABEL INFANTES

Politik Ausland
06/10/2020

Ringen der Briten mit der Geschichte

Mehr Statuen sollen fallen, Initiativen fordern modernisierte Lehrpläne gegen Rassismus.

von Georg Szalai

Als Demonstranten bei einem Aufmarsch gegen Rassismus in Bristol am Sonntag die Bronzestatue des Sklavenhändlers Edward Colston niederrissen und ins Hafenbecken warfen, war das für die britische Innenministerin Priti Patel Vandalismus. „Ich höre Sie“, sagte Premier Boris Johnson an die Demonstranten gerichtet. Es gäbe noch viel mehr zu tun im Kampf gegen Rassismus, aber das müsse „friedfertig und rechtmäßig“ passieren. Auch Labour Partei Chef Keir Starmer nannte die Aktion „völlig verkehrt“.

Clive Lewis, Labour-Abgeordneter, begrüßte sie hingegen. „Wir werden strukturellen Rassismus nie lösen, solange wir unsere Geschichte nicht in ihrer ganzen Komplexität in den Griff bekommen,“ sagte er. Auch andere sehen den Fall der Statue als symbolische Befreiung von der Last der Geschichte.

Statuen sind Symbol für Frust

Londons Bürgermeister Sadiq Khan plant eine Kommission, die Sehenswürdigkeiten mit Sklaverei-Verbindungen entfernen soll. „Das kann nicht weitergehen“, sagte er. Die Statuen sind ein Symbol für den Frust, den immer mehr, vor allem schwarze Briten im Umgang des Landes mit Geschichte verspüren. Das beginnt in Schulen, wo, so Kritiker, schwarze Geschichte meist nur gestreift wird, oft im „Black History Month“ Oktober, den manch einer als „Muttertag für Schwarze auf einen ganzen Monat verteilt“ bezeichnt. „Oft war das nur eine symbolische Sache,“ sagt die pensionierte Lehrerin Judith dem KURIER.

Jetzt werden in England und den anderen Teilen des Landes Rufe lauter, schwarze britische Geschichte in dem jeweils gültigen Lehrplan für eine Mehrheit der Schulen, wenn auch nicht für reiche Privatschulen wie Eton, verpflichtend zu machen. Diverse Petitionen haben Hunderttausende Unterstützer. „Black Curriculum“ etwa hat viel Medienecho und ein Treffen mit Bildungsminister Gavin Williamson erfragt. „Schwarze britische Geschichte wird weiterhin als unbedeutend angesehen“, sagt Gründerin Lavinya Stennett.

Kimberly McIntosh vom Think Tank „Runnymede Trust“ sieht einen neuen Lehrplan als „ausgezeichneten Start“, und erklärt dem KURIER: „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.“ Dass dieser unter Boris Johnson kommt, erwarten aber nur wenige. Georg Szalai, London

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