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Politik Ausland
10/19/2021

Missbrauch und Mobbing: Warum der Bild-Chefredakteur gehen musste

Nach neuen Berichten zu seinem Umgang mit Mitarbeiterinnen muss Julian Reichelt seinen Posten räumen – doch es bleiben offene Fragen.

von Sandra Lumetsberger

Wer mit der Bild-Zeitung "im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten" – mit diesem Satz erklärte Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, einst das Prinzip von Deutschlands größter Boulevardzeitung.

Nun lässt es sich auch für Julian Reichelt umlegen: 41 Jahre, einst jüngster Chefreporter, den es in Kriegs- und Krisengebiete zog, ehe er zum alleinigen Kommandanten der Bild wurde. Und dort nicht nur einen krawalligeren Ton in der Berichterstattung anschlug, sondern eine Mitarbeiter(innen)kultur pflegte, die der Spiegel in seiner schon im März erschienenen Recherche als "vögeln, fördern, feuern" beschrieb. Es geht um Sex, Nötigung, Machtmissbrauch und Mobbing von Frauen – Zutaten für eine Geschichte, wie sie sonst in der Bild steht. Nur diesmal nicht, denn der Hauptprotagonist ist der Chef oder besser gesagt: Er war es. Man habe ihn "mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden"“, heißt es am Montag in einer Erklärung.

Unter Druck

Diesmal also wirklich. Nach den Vorwürfen im März wurde Reichelt freigestellt, doch eine interne Prüfung kam zum Schluss, dass er Fehler gemacht habe, man sich deswegen aber nicht von ihm trennen müsste. Der Bild-Boss entschuldigte sich und bekam eine zweite Chance, die er nun verspielt hat. Er habe nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Frühjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt, heißt es.

Dass dies alles jetzt als Recherche in der New York Times erschienen ist, dürfte den Springer-Konzern unter Druck gesetzt haben. Er will mithilfe seines US-Investors KKR das Nachrichtenunternehmen Politico kaufen, und negative Presse könne man da nicht gebrauchen.

New-York-Times-Journalist Ben Smith zeichnet mit seiner Bild-Story nicht nur ein Sittenbild, wo "Sex, Journalismus und Firmengeld" vermischt werden, sondern wirft die Frage auf, ob ein Konzern mit dieser Arbeitskultur als seriöser Neueigentümer für Politico geeignet sei. Die größte Unternehmensübernahme der Firmengeschichte wurde am Dienstag dennoch unter Dach und Fach gebracht.

Zudem erwähnt er Bild-kritische Recherchen deutscher Reporter, die der Verleger Dirk Ippen (Münchner Merkur, Frankfurter Rundschau) nicht veröffentlichen ließ. Offiziell, weil man einem Konkurrenten nicht schaden wolle. Medienjournalist Stefan Niggemeier berichtet dagegen von versuchtem Einwirken von Axel-Springer-Vertretern auf Ippen-Leute.

Muster und Nachahmer

Die teils vom Spiegel veröffentlichten Recherchen erzählen von einem "Muster", nach welchem sich Reichelt an junge Mitarbeiterinnen annäherte: Zuerst gab’s Lob, dann verantwortungsvolle Jobs – in Verbindung mit Sex. Viele der Frauen litten darunter, weil sie Kollegen deswegen mobbten und sie sich von Reichelt abhängig fühlten.

All das wirft kein gutes Licht auf den Konzern und lässt viele Fragen offen, etwa warum sich Reichelt so lange halten konnte. Er ist zwar das Gesicht für schlechten Umgang mit Frauen, doch er hatte Menschen um sich, die das mitgetragen haben. "Mit Sicherheit ist er nicht der Einzige, der dieses System für sich entdeckt hat, da gibt es viele Nachahmer im Verlag, quer durch alle Abteilungen", sagt ein Kenner des Hauses dem KURIER.

Auch, dass es bis zu den jüngsten Berichten kein großes Interesse gab, ihn zurechtweisen. Wie das Portal Medieninsider berichtet, habe sich Vorstandschef Döpfner nach Reichelts Rehabilitation im Frühjahr an die Belegschaft gewandt und dessen publizistische Leistung als "richtig und extrem wichtig für dieses Land" bezeichnet. Was er davon noch hält, ist in der New York Times nachzulesen.

So wird eine Nachricht von Döpfner an Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre zitiert, der einen Kommentar Reichelts gegen die Corona-Maßnahmen lobt. Er sei "halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR Obrigkeitsstaat aufbegehrt". Die meisten anderen Journalisten wären Propaganda-Assistenten, so Döpfner, der auch Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger ist – was in der Branche aufschlug und für Kritik sorgte.

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