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Politik Ausland
04/23/2020

Slowakei: Quarantäne, Neid und Hass: Krise trifft Roma am härtesten

Die Abriegelung von Dörfern der Roma-Minderheit wegen Corona heizt einen schwelenden Konflikt weiter an.

von Konrad Kramar

Kein fließendes Wasser, keine befestigten Straßen, keine Müllabfuhr - und die Menschen dicht gedrängt in Plattenbau-Ruinen aus der Zeit des Kommunismus, oder in Blechhütten wie in der Dritten Welt. Die soziale Katastrophe in vielen Siedlungen der Roma-Minderheit ist ein Problem, das die Slowakei und ihre Politik seit Jahren ungelöst vor sich herschiebt. Die aktuelle Corona-Krise aber hat dieses Problem erneut eskalieren lassen.

Antreten auf der Straße

Die Bilder, die das slowakische TV vor kurzem zeigte, erinnerten an ein Kriegsgebiet. Während Militärhubschrauber über Dörfern kreisten, rückten Einheiten von Militär und Polizei ein. Die Bewohner mussten auf der Straße antreten, um sich von Militärärzten Mundabstriche für Corona-Tests machen zu lassen.

Mindestens fünf Siedlungen im Süden des Landes sind seither durch die Sicherheitskräfte von der Außenwelt abgeriegelt. Der Grund für die rigorosen Maßnahmen: In den Siedlungen waren Bewohner positiv auf Corona getestet worden. Laut slowakischen Medien sind etwa 30 Personen betroffen. Unter Quarantäne aber stehen mehr als 6000 Menschen.

"Spannungen sind riesig"

„Die Spannungen rund im diese Siedlungen sind riesig“, beschreibt der slowakische EU-Parlamentarier Peter Pollak, selbst Mitglied der Roma-Minderheit, der slowakischen Tageszeitung SME die Situation. Die Regierung, so Pollak, habe die Lage völlig unterschätzt, weil sich niemand, außer dem medizinischen Personal, das der Rat der Roma selbst organisiert, um die hygienische Lage vor Ort kümmere: „Wenn sich der Virus in diesen dichtbewohnten Häusern ausbreitet, müssten rasch umfassende Maßnahmen ergriffen werden.“

Stimmung angeheizt

Die erst vor Wochen angelobte Regierung in Bratislava ignorierte die Situation in den Roma-Siedlungen lange, nur um dann umso brutaler einzugreifen. Premier Igor Matovic, vor der Presse in der Krise mehrfach überfordert wirkte und sogar in Tränen ausbrach, zeigte in seiner Wortwahl nicht gerade politisches Fingerspitzengefühl.

Wenn die Menschen "herauskriechen"

Matovic warnte wiederholt, dass sich Covid-19 unter den unhygienischen Lebensbedingungen der Roma-Siedlungen unkontrolliert ausbreiten könne. Wenn die Bewohner dieser Siedlungen dann „herauskriechen“ würden, sei auch die restliche Bevölkerung bedroht, erklärt er.

In der Slowakei, wo offener Rassismus gegen die Roma-Minderheit ohnehin grassiert, heizte das die Stimmung in den sozialen Medien nur noch weiter an.

„Die kriegen es gratis“

Gerade die Regionen, in denen die Roma-Minderheit mit ihren 500.000 Menschen am stärksten vertreten ist, lebt auch die übrige Bevölkerung oft unter schwierigen sozialen Verhältnissen. Die abgeriegelten Roma-Siedlungen werden seit Tagen mit Lebensmitteln und auch mit Trinkwasser versorgt.

Wasser einmal gratis

Um die hygienische Krise im Griff zu kriegen, hat die Regierung beschlossen, dieses Wasser nicht nur reichlich, sondern, anders als in normalen Zeiten, auch gratis zu liefern. Doch sogar das produziert hasserfüllte, neidische Kommentare in sozialen Medien. Diese Roma würden wieder einmal alles gratis bekommen. Für den Parlamentarier Pollak ein Warnsignal, noch vorsichtiger vorzugehen: „Wir dürfen den Hass auf die Roma nicht noch steigern.“

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