Politik | Ausland
02.03.2018

Slowakei: Mord an Journalisten und seiner Verlobten wird zur Staatsaffäre

Trauer um  Ján Kuciak und seine Lebensgefährtin © Bild: APA/AFP/VLADIMIR SIMICEK

Getöteter Reporter deckte mutmaßliche Mafia-Aktivitäten bis in höchste Regierungskreise auf.

Die Stimmung in der Redaktion der Online-Plattform Aktuality.sk, in der der ermordete Journalist Ján Kuciak gearbeitet hat, ist angespannt.

Beinahe im Stundentakt gehen dort Neuigkeiten zu seiner Recherche rund um die italienische Mafia in der Slowakei online.

"Wir machen weiter", sagt ein Redakteur, der nicht mit Namen genannt werden will, zum KURIER. "Wir arbeiten weiterhin daran, die ganze Sache aufzuklären."

Ob man in der Belegschaft nun besorgt sei, selbst ins Visier von Auftragsmördern zu gelangen, dazu will man sich lieber nicht äußern.

Die brisante Reportage von Ján Kuciak, die in der Nacht auf Donnerstag von seinen Kollegen online veröffentlicht worden war, zog jedenfalls schnell weite Kreise.

A detained man is escorted by police officers after raid in the town of Michalovce, eastern Slovakia, on Thursday, March, 1. 201… © Bild: AP/Roman Hanc

Um acht Uhr früh gab es bereits eine Razzia bei Antonin V. Er wird in Kuciaks Artikel mit der italienischen Mafia in Verbindung gebracht. Um 10 Uhr wurde bekannt, dass er, sein Bruder Bruno und deren Cousin Pietro C. vorläufig festgenommen wurden.

Gleichzeitig fanden an fünf anderen Orten in der Ostslowakei Polizeirazzien statt. Insgesamt sollen neben V. zehn weitere Personen verhört werden.

Kopfgeld

Der Mord an dem jungen Journalisten ist längst eine Staatsaffäre gigantischen Ausmaßes. Da hilft es auch nicht, dass der dabei in Bedrängnis geratene Premier Robert Fico ein Kopfgeld von einer Million Euro für die Ergreifung des Mörders ausgesetzt hat.

Denn stimmen Ján Kuciaks Recherchen, sitzt mit V. nun ein Mann ein, der praktisch direkten Zugang zu den höchsten Kreise der slowakischen Regierung hatte – sogar direkt in Ficos Büro.

Für die Behörden ist V. kein Unbekannter. Sie hatten ihn bereits mehrmals im Visier, doch aufgrund irrwitziger Gerichtsurteile blieb er bis jetzt straffrei. Bisher hatte sich V. vor allem wegen Morddrohungen und Steuerhinterziehung verteidigen müssen.

In Ján Kuciaks Geschichte dreht sich alles um ihn. Der Journalist zeichnet darin das Bild eines Mannes, der praktisch als Gesandter der italienischen Mafia (auch in Italien tauchte sein Name bei Mafiaprozessen auf) in der Ostslowakei seine Geschäfte machte.

Reihenweise gründete er Firmen und ließ diese pleite gehen. Bei diesen Geschäften bezog er Milliarden an nationalen wie EU-Agrarförderungen und verdiente damit Millionen.

Entscheidend dafür sollen seine guten Kontakte zur regierenden SMER-SD gewesen sein. Mehr noch: V. soll auch bis in höchste Kreise engste Vertraute installiert haben.

Freunde im Kabinett

So gilt die Assistentin von Premierminister Fico, Maria Troskova, als seine Gefolgsfrau. Sie soll einst auch mit ihm liiert gewesen sein. Beide hatten 2011 eine gemeinsame Firma gegründet.

Später wurde das Ex-Model Assistentin des Abgeordneten Viliam Jasan – auch er (ebenso wie sein Sohn) hatte Unternehmungen mit V. laufen.

Schließlich wurde Troskova als Assistentin ins Büro von Premierminister Fico berufen. Jasan ist heute Sekretär des Sicherheitsrates und hat als solcher Zugang zu den allergeheimsten Informationen des slowakischen Staates.

TOPSHOT - Slovak Prime Minister Robert Fico stands behind bundles of Euro banknotes during a press conference on the murder case… © Bild: APA/AFP/VLADIMIR SIMICEK

V. indes tingelte durchs Land, machte beste Geschäfte und unterstützte Kandidaten der SMER-SD in lokalen Wahlkämpfen. Bei einem Wahlkampfauftritt in der Region Kosice nannte er die SMER-SD aus heutiger Sicht vielsagend "unsere Partei".

Probleme mit der Justiz gab es nur geringfügige. So etwa, als ein Agrarunternehmer, auf dessen Land es Antonin V. angeblich abgesehen haben soll, ein Paket mit Patronen, Zündhölzern und einem Trauerkranz erhielt.

V. soll dem Mann zudem persönlich (von einer Überwachungskamera aufgezeichnet) in eindeutigen Gesten gedroht haben.

Die Anklage wurde aber aus Mangel an Beweisen fallen gelassen. Einwände, dass auch V.’s Anwalt in dem Verfahren als Zeuge auftrat und ein Alibi seines Mandanten bestätigte – womit er eindeutig befangen war –, führten zu nichts.

Politische Konsequenzen

Umso logischer erscheint es, dass der Skandal um den Tod des 27-jährigen Journalisten handfeste politische Folgen nach sich zieht.

Als erster aus der Ministerriege trat am Mittwoch Kulturminister Marek Madaric zurück.

Er scheint in den Recherchen Kuciaks nicht auf, übernahm aber die politische Verantwortung. Denn in sein Ressort fällt die Medienpolitik. Er könne "nach der Ermordung eines Journalisten nicht in Ruhe" auf seinem Posten bleiben, sagte er.

Troskova und Jasan legten am Donnerstag ihre Regierungsämter auf Eis. Aber auch gegen Premier Fico gibt es lauter werdende Rücktrittsforderungen.

In der Redaktion von Aktuality.sk geht man davon aus, dass das erst der Anfang ist.

Sind weitere Konsequenzen in der Politik zu erwarten? "Wahrscheinlich schon. Aber es wäre jetzt noch zu früh, um etwas Konkretes zu sagen", so der Redakteur zum KURIER.