Politik | Ausland
03.09.2017

Schulz vs. Merkel: Wenigstens ein bisschen Feuer

Analyse: Die beiden Kandidaten schenken sich wenig. Schulz attackiert – doch das nützt eher Merkel.

Unemotional ist das definitiv nicht. Nur ein paar Minuten braucht es am Sonntagabend , bis der ersten Augenüberdreher bei der deutschen Kanzlerin zu sehen ist: Angela Merkel gegen Martin Schulz, das ist keine Kuschel-Attacke, sondern ein Duell mit Reibung.

>>> Merkel gegen Schulz: Der Live-Ticker zur Nachlese

>>> "Mehr Duett als Duell": Pressestimmen zu Merkel vs Schulz

Die Ausgangslage ist für Merkel eigentlich so angenehm, wie sie nur sein kann: Satte 14 Punkte liegt sie derzeit vor ihrem Konkurrenten der SPD, Martin Schulz, dem sie an diesem Abend das erste und letzte Mal direkt und live im TV gegenübersteht. Der hat darum eine schwierige Gratwanderung zu bewältigen: Sympathische Zurückhaltung oder Attacke? Nach ein paar Minuten wird klar, dass er sich – wider Erwarten – für Zweiteres entschieden hat: "Tut mir leid, Frau Merkel", sagt er gleich beim Eingangsthema Flüchtlinge, im Sommer 2015, da seien "Fehler gemacht" worden. Dass sie vor ihrem Alleingang nicht mit den anderen EU-Ländern geredet habe, das sei einfach falsch gewesen, so der Herausforderer.

Nervöses Ping-Pong

Ein wunder Punkt? Ja, das zeigt sich an Merkels Reaktion: Sie wird emotional. "Es gibt im Leben einer Bundeskanzlerin Momente, da müssen Sie entscheiden", sagt sie mit einem Seitenblick auf ihn.

Dieses nervöse Ping-Pong zieht sich durch die erste Hälfte des Duells. Die vier Moderatoren fragen im Stakkato-Takt, und vor allem beim Thema Migration, das auch die ersten 60 Minuten des eineinhalb Stunden dauernden Duells einnimmt, kann Schulz harte Attacken reiten. Merkel pariert die nicht so routiniert wie sonst, sie sieht in ihrem blauen Blazer auch oft nervöser aus, als man sie kennt. Doch das trifft nicht nur auf sie zu: Als Schulz statt Islamisten "Integristen" sagt, wird klar – auch der SPD-Kandidat hat mit seinen Nerven zu tun.

Spaltpilz Türkei

Merkel ernsthaft in die Enge zu treiben, gelingt ihm dann auch in puncto Türkei. Da prescht er vor, verlangt einen Abbruch der Beitrittsverhandlungen; "alle roten Linien wurden überschritten", sagte er forsch. Das mag für österreichische Ohren nicht ungewohnt klingen, für deutsche ist das aber durchaus eine harte Linie: Merkel will das schließlich um jeden Preis vermeiden, um den Kontakt zu Ankara nicht weiter zu verschlechtern – und das ist auch Koalitionslinie. Dementsprechend staatstragend räumt sie Schulz’ Forderung dann auch ab: Nichts wäre schlimmer, als das Ende der Beitrittsverhandlungen anzukündigen und dann in der EU keine Mehrheit zu finden, sagt sie – und hat dabei recht, denn das wäre tatsächlich höchst kompliziert. "Wir müssen uns nicht übertreffen, wer härter ist", so ihre Kritik an Schulz.

Ähnlich ihre Reaktionen in puncto Nordkorea und USA, dem anderen prägenden außenpolitischen Thema. Sie kontert Schulz’ Vorwurf, zu nachlässig zu sein, in alter Merkel-Manier: Sie werde in den kommenden Tagen ohnehin mit den USA, China, Japan und Frankreich sprechen, um hier eine gemeinsame Linie zu finden, sagt sie; und das klingt ganz nach der Kanzlerin von Welt, die sie gern präsentiert – ein Punkt dank Amtsbonus. Schulz kann da nur nachsetzen, er sei ihr fast dankbar dafür, eine gemeinsame Lösung finden zu wollen. Genau dafür "sei er ja seit Langem".

Frappante Ähnlichkeit

Diese Situation ist es dann auch, die das Duell am besten beschreibt: Auf der einen Seite ein Kandidat, der attackiert, der aber in seinen Positionen seinem Gegenüber frappant ähnelt – man muss um Details streiten, um einen Unterschied für den Wähler herausstreichen. Beispiele dafür gibt es genug, vor allem im zweiten, innenpolitischen Teil: Beide wollen gelingende Integration, benennen aber die selben Probleme; Schulz will ein Einwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild, Merkel was Ähnliches, nennt es nur anders; beide wollen etwa 15 Milliarden Steuern senken – ähnlich viel wie der österreichische VP-Chef Kurz übrigens, nur dass sich die Landesgrößen unterschieden –, und auch hier muss man Unterschiede suchen.

Wem das nützt? Letzten Endes Angela Merkel. Sie kann bei vielen Attacken aus Schulz’ Ecke sagen, dass viele seiner Kritikpunkte eigentlich Konsensprojekte aus der Großen Koalition seien, und da habe er als SPD-Chef ja Mitverantwortung. Wenn er ihr vorwirft, das Salz in der Demokratie sei ihretwegen "praktisch untergegangen", oder sich freut und sagt, "sie bezieht Position, das ist toll!", dann quittiert sie das nur mit einem spöttischen Lächeln. Und selbst die Punkte, die er anbringt – etwa, als er ihr abringt, dass es mit ihr keine Rente mit 70 geben werde –, wirken letzten Endes so, wie es der SPD die vergangenen vier Jahre ergangen ist: Sie hat eine Idee, die CDU übernimmt sie, und zu guter Letzt profitiert Angela Merkel davon. Die Zuseher sehen das ähnlich. Die Blitzumfragen, die ARD und ZDF nach Ende des Duells veröffentlichen, sehen die Kanzlerin vorn.

Martin Schulz scheint das geahnt haben. Als er am Ende des Duells gefragt wird, ob er eine Große Koalition ausschließt, beginnt er zu herumzueiern; und man wird den Eindruck nicht los, als würde er auch als Vizekanzler in einer schwarz-roten Regierung dienen. Angela Merkel schließt das ohnehin nicht aus. Am Ende des Duells sagt sie dazu passend deinen Satz, den man fast als Seitenhieb auf Schulz verstehen kann: "Gemeinsam können wir das schaffen."