Russlands Jugend gilt als gut gebildet - aber sieht keine Chancen in der Heimat

© APA/AFP/MLADEN ANTONOV

Politik Ausland
11/26/2019

Russlands Jugend will nichts wie weg

Mehr als die Hälfte der jungen Russen wollen ins Ausland - so viele wie seit 10 Jahren nicht mehr.

von Ulrike Botzenhart

Vor allem junge und gut ausgebildete Leute haben die Nase voll von ihrer Heimat Russland. Miese Wirtschaftslage, keine echte Demokratie, Beschränkungen im Internet: Immer mehr junge Russen wollen das Land verlassen.

Einer repräsentativen Umfrage zufolge will mehr als die Hälfte der Russen zwischen 18 und 24 Jahren am liebsten auswandern. Das ist ein Rekordwert seit zehn Jahren, wie das Meinungsforschungsinstitut Lewada am Dienstag mitteilte.

Als Grund geben die meisten Befragten die fehlende Zukunftsperspektive - auch für ihre künftigen Kinder - an. Viele russische Jugendliche gelten als hervorragend ausgebildet. Sie beklagen aber, dass es in ihrer Heimat keine Entwicklungschancen für sie gebe.

Miese Lage

An zweiter Stelle wird laut dem Insitut die miese wirtschaftliche Lage genannt, dann die medizinische Versorgung und die politische Lage.

Allein von Mai bis September sei der Wert um 16 Prozentpunkte gestiegen. Dazwischen lagen die Massenproteste im Sommer für faire Wahlen, aber auch gegen Behördenwillkür, Polizeigewalt und die zunehmende Einschränkung persönlicher Freiheiten.

Aber nicht nur die Jugend ist unzufrieden: Über alle Altersklassen hinweg lag der Anteil der Auswanderungswilligen bei 21 Prozent. Das sind um sechs Prozentpunkte mehr als im Mai.

Korrupte Machtelite

Die Regierung unter Präsident Wladimir Putin sieht sich bisweilen Vorwürfen ausgesetzt, dass sich eine korrupte Machtelite einen Staat nach ihrer eigenen Vorstellung zimmere - ohne Rücksicht auf Andersdenkende.

Auch die  Einschränkungen des Internets im Russland durch Wladimir Putin spielt eine Rolle. Besonders für die Jugend.

Putins leere Versprechen

Während der Kreml-Chef Russland außenpolitisch wieder zu einem Player gemacht hat (Stichwort SyrienI), gelingt ihm in Inland wenig. Seinen vollmundigen Ankündigungen zum Trotz geht es wirtschaftlich noch immer nicht bergauf mit dem Riesenreich. Der notwendige wirtschaftliche Umbau hat nie stattgefunden.

In Russland ist wieder der Begriff «sastoi» häufig zu hören: ein Begriff, der die Stagnation und  fehlende politische und wirtschaftliche Dynamik der Breschnew-Jahre beschreibt.

Schrumpfende Einkommen

Sogar Optimisten rechnen für 2019 nur mit einem Wachstum von knapp mehr als 1 Prozent. Die realen Einkommen sinken in Russland seit Jahren stetig. Seit 2013 mussten die Russen ein Minus bei den real verfügbaren Einkommen von rund 10 Prozent hinnehmen.

Zusätzlich schmälern höhere Steuern das Einkommen. Und die wohl nötige, aber für die Menschen sehr schmerzhafte Erhöhung des Pensionsalters sorgt ebenfalls für Zorn in der Bevölkerung. Dabei hatte Putin seinem Volk ein gutes Leben gegen den Verzicht auf politische Freiheiten versprochen.

Dazu kommen die Sanktionen nach der Annexion der Krim, die Russland schwer zusetzen.