© Nina Chruschtschewa

Politik | Ausland
04/19/2019

Russland-Reise: Von Kant zu Dschingis Khan

Die Urenkelin des sowjetischen Staatschefs Chruschtschow entdeckt das Land heute

Eigentlich stammt die Idee von Wladimir Putin persönlich. Der wollte nämlich kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 2000 in einer Neujahrsnacht quer durch Russland reisen: mit einem Zwischenstopp und einer kurzen Neujahrsansprache in jeder der elf Zeitzonen. Der utopische Trip kam nie zustande. Doch Nina Chruschtschowa ließ die Idee nicht mehr los. Die Urenkelin des einstigen sowjetischen Staatschefs Nikita Chruschtschow hat sich auf den Weg durch Russlands elf Zeitzonen gemacht.

Nicht eine Nacht sollte die Reise dauern, sondern einen Sommer lang, mit einem Stopp in jeder Zeitzone. „Kaum fassbar, wie unendlich groß dieses Land ist – und wie unsicher und wenig selbstbewusst es sich fühlt“, fasst die heute in New York lebende Politologin ihre Eindrücke im Gespräch mit dem KURIER zusammen: „Den Russen ist die Größe ihres Landes wichtig, es begeistert sie regelrecht, und sie vergleichen sich ständig mit Europa.“

„Unfertiges Europa“

Als ein „unfertiges Europa“ beschreibt Chruschtschowa den Westen des Landes, in dem sie ihre Reise begonnen hat. Politisch heikel, die erste Station: Kiew, Hauptstadt der Ukraine. Für die Russin Chruschtschowa ist Kiew trotzdem „die Mutter aller russischen Städte“. So erzählt sie über die Statue von Wladimir dem Großen, dem bedeutendsten Großfürsten des Kiewer Reichs. Als die Sowjets die Macht übernahmen, zerstörten sie auch in Kiew alle Statuen von Fürsten und Zaren, Wladimir aber ließen sie stehen. Er stand für die Idee des russischen Reiches – und die hatte auch die Bolschewiken erfasst. „Und diese Idee tragen die Russen heute noch mit sich“, erläutert Chruschtschowa, „und Putin hat das für sich genützt. Mit ihm ist zwar nicht das russische Reich wieder auferstanden, aber die Idee eines russischen Reiches. Die Russen denken gerne imperial.“

Doch das Land habe sich seit dem Untergang der Sowjetunion weiterentwickelt, überall, nicht nur in Moskau uns St.Petersburg. Es ist, wie es die Politologin formuliert, „nicht mehr der imperiale Monolith, als den es der Westen oft wahrnimmt.“

Russland, das ist auch der prägende Eindruck, den sie aus den Monaten ihrer Reise mitgenommen hat, „ist ein multiethnisches und ein multikulturelles Land – und es ist oft erstaunlich weltoffen.“

Diese Weltoffenheit ist Chrustschowa an Orten begegnet, wo sie die Moskauerin nicht erwartet hätte. In Wladiwostok etwa, der Metropole am Pazifik: „Nicht Moskau oder St. Petersburg sind die am meisten kosmopolitischen Städte Russlands, sondern Wladiwostok. Da kreuzt sich europäische mit ostasiatischer Lebensart.“

Schulen ohne Russisch

In Russlands fernem Osten ist sie auch Menschen und Kulturen begegnet, die den sowjetischen Imperialismus hinter sich gelassen haben. In Jakutien wird in Schulen oft nicht mehr auf Russisch, sondern in der der Sprache des lokalen Turkvolkes unterrichtet. Nähert man sich weiter südlich den Regionen an der Grenze zur Mongolei, erlebt man wieder erwachende mongolische Alltagskultur, aber auch Nationalbewusstsein: „Dort wird Dschingis Khan heute wieder als der große Held verehrt.“

Die Statuen von Lenin und Karl Marx würden weiterhin das ganze Land bevölkern, aber Moskau lasse heute viel mehr kulturelle Eigenständigkeit zu: „Die Politik des Kreml in diesen entfernten Regionen ist viel schlauer als in Sowjetzeiten. Man lässt lokalen Kulturen mehr Raum, spannt aber weiterhin den russischen Schirm darüber auf.“

Unter diesem russischen Schirm hat heute sogar wieder ein Deutscher Platz. In Kaliningrad, dem ehemals deutschen Königsberg an der Ostsee, feiert man heute wieder den Philosophen Immanuel Kant. „Der ist inzwischen zu so einer Art Lenin von Kaliningrad geworden.“