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Politik Ausland
05/01/2020

Russland: Virus wütet in Geheimstädten mit Atomarealen

Corona-Ausbrüche in drei geschlossenen russischen Städten sorgen für Angst bei den Behörden und bei der Bevölkerung - man sorgt sich vor Vertuschung.

von Evelyn Peternel

Alexej Lichatschow ist eigentlich ein eher verschwiegener Kerl. Das ist nachvollziehbar, schließlich trägt er als Chef der obersten Atombehörde Russlands Staatsgeheimnisse mit sich herum: Etwa, in welchen geheimen Arealen geforscht wird. 40 dieser ehemaligen sowjetischen Geheimstädte, die mit Stacheldraht von der Außenwelt abgeschnitten sind, gibt es heute noch in Russland.

Insofern ist es bemerkenswert, dass der Rosatom-Chef nun zugab, dass es ausgerechnet dort Corona-Ausbrüche gab: „Diese Pandemie ist eine direkte Bedrohung für unsere Nuklearstädte. Die Situation in Sarow, Elektrostal und Desnogorsk ist speziell alarmierend. Die Zahl der Infizierten wächst täglich.“

Besonders prekär dürfte die Lage in Sarow sein. In der 90.000-Einwohner-Stadt 450 Kilometer östlich von Moskau war in den 1940er-Jahren die erste Atombombe der UdSSR entwickelt worden, heute liegt dort das wichtigste Nuklearforschungszentrum des Landes. Entwickelt werden vor allem Waffen.

Angst vor Vertuschung

Dass auch einige Mitarbeiter dieses Komplexes infiziert sind – 18.500 Menschen arbeiten allein dort –, lässt bei Rosatom die Alarmglocken schrillen. Man fürchtet um die Einsatzfähigkeit hochrangiger Wissenschaftler. Zudem regt sich Zweifel am Umgang der Behörden mit der Pandemie: Eigentlich hatten alle Geheimstädte, die die Einreise ohnehin nur unter strengsten Auflagen erlauben, ein striktes Einreise- und Testregime verfügt. Dennoch dürfte ein älteres Paar das Virus eingeschleppt haben. Wohl, weil es nicht getestet wurde, wie die Zeitung Moskowskij Komsomlez berichtet.

In der Bevölkerung ist man darum zornig, und es wird der Vorwurf der Vertuschung laut. Patient Null sei ein Verwandter eines Arztes gewesen, der nachlässig gehandelt habe, schreibt Alexandr Lomtew, Chefredakteur der örtlichen Zeitung Sarow. „Wieder einmal sind die Bewohner von Sarow in zwei Klassen eingeteilt“, kritisiert er. Ein Vorwurf, den man auch aus dem Rest des Landes kennt: Viele Kliniken stöhnen vor Überlastung, während die Behörden vom Kreml abwärts betonen, die Lage im Griff zu haben.

Ungute Erinnerungen weckt dies auch an einen Vorfall im vergangenen Sommer. Damals waren fünf Wissenschaftler des Forschungszentrums bei einem mysteriösen Unfall im Norden des Landes ums Leben gekommen. Danach wurde dort massiv erhöhte Strahlung festgestellt. Was passiert war, wurde den Bürgern Sarows allerdings nicht mitgeteilt. Laut Gerüchten sollen die fünf an neuen atomaren Marschflugkörpern gearbeitet haben; ein Prestigeprojekt des Kremls.

Verabschiedet wurden sie in Sarow von Rosatom-Chef Lichatschow höchstpersönlich – als „wahre Helden“ und als „Stolz des Landes“.