Keine "soziale Distanz" in Schweden - trotz Dutzender Toter

© APA/AFP/JONATHAN NACKSTRAND

Politik Ausland
04/01/2020

Riskanter Sonderweg: Schweden setzt weiter auf Herdenimmunität

Das Land vertraut in der Coronakrise auf seinen Gesundheitsapparat – und die Bürger vertrauen der Politik.

von Jens Mattern

„Es ist ein sehr, sehr kniffliges Experiment, das ganze Volk für vier bis fünf Monate einzuschließen“, so Johan Carlson, der Chef des schwedischen Gesundheitsamts. Die Äußerung des Arztes im schwedischen Sender SVT diese Woche ist eine Retourkutsche auf die internationalen Vorwürfe, die den schwedischen Weg in der Pandemie ein fragwürdiges Experiment nennen.

Keine Geisterstädte

Denn bislang sind die Grundschulen, die Restaurants in dem skandinavischen Land weiter geöffnet, EU-Bürger dürfen einreisen. Die großen Städte sind nicht leer wie etwa die anderen Metropolen Europas, die Menschen auf den Straßen halten oft wenig Abstand zueinander.

Die rot-grüne Regierung unter Stefan Löfven baut dabei ganz auf die Expertise des schwedischen Gesundheitsamts, zu dem auch der Staatsepidemologe Anders Tegnell gehört.

Wenn er auch den Begriff nicht mehr nutzt, so setzt der 63-jährige auf „Herdenimmunität“ (haben sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infiziert, gilt das Virus als besiegt). Ihm geht es primär um den Schutz von Alten und Menschen mit Vorerkrankungen, sonst soll das Leben so normal wie möglich weiter laufen.

Die Bevölkerung soll eine eigene Einsicht entwickeln, so das Credo von Carlson und Tegnell. Am Dienstag entschloss sich der Premierminister, die Tests in Schweden auszuweiten, ohne konkrete Zahlen anzugeben, bisher sind 24.500 Personen getestet worden. Als neue Restriktion wurde der Besuch von älteren Menschen verboten.

Die lockere Krisenpolitik ließ bisher das Vertrauen innerhalb der Bevölkerung gegenüber der Regierung wachsen, von 26 Prozent im Februar auf 44 Prozent Ende März.

Virologen im eigenen Land wie auch auswärts sind kritischer: „Solange die Kinder in den Schulen herumspringen und sich anstecken, wird es auch in der Gesellschaft zu einem Anstieg der Infektionen kommen“, meint etwa die pensionierte Virologie-Professorin der Universität Oslo, Björg Marit Andersen. In den skandinavischen Nachbarländern – etwa in Finnland – gelten bereits seit Wochen weitaus rigorosere Maßnahmen.

Schweden mit seinen rund zehn Millionen Einwohnern hat 4.435 bekannte Fälle und beklagt 180 Tote. Dies ist eine Steigerung von 407 Fällen und 34 Toten im Vergleich zum Vortag.

Das Gesundheitsamt spricht von einem „konstanten Anstieg“. Angespannt ist es im Raum Stockholm, wo rund die Hälfte der Infizierten des Landes lebt. Mittlerweile wurde ein großes Feldlazarett auf dem Messegelände der Hauptstadt aufgebaut, mit einer Intensivstation und 140 Betten, die auf 600 erweitert werden könnten.

Glaubt man dem US-Physiker Yaneer Bar-Yam, der sich mit Modellen komplexer Systeme wie Pandemien befasst, wird dies kaum ausreichen. Der renommierte Wissenschaftler empfiehlt allen Staaten eine fünfwöchige Abriegelung des öffentlichen Lebens, einen sogenannten „Lockdown“.

Gegenüber der dänischen Zeitung Berlingske sagte er Schweden bald italienische Verhältnisse voraus. Die schwedische Zeitung Svenska Dagbladet wirft dem Staatsepidemologen Tegnell vor, von den Ereignissen überrumpelt zu werden, kein wirkliches Konzept zu haben. Als Anfang März die Corona-Pandemie in Europa ernst genommen wurde, weilte er mehrere Tage in Somalia.

Umdenken in Skiorten

Stark unter öffentlicher Kritik stehen die Skiferien in den Wintersportzentren des Landes zu Ostern. Diese könnten zu Infektionsherden geraten wie in Tirol, so Mediziner. Man solle zu Ostern zu Hause bleiben, womit die unmittelbare Umgebung gemeint war, sagte Anders Tegnell am Montag, was Regierungschef Stefan Löfven am Dienstag wiederholte. Dies ist jedoch allein eine Empfehlung. Trotzdem haben sich die Liftbetreiber in den größten schwedischen Skiorten inzwischen entschlossen, vor Ostern doch zu schließen. In kleineren Orten aber hält man weiterhin am Betrieb zu den Feiertagen fest.

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