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Politik Ausland
08/24/2021

Wenn Rezo die Union "zerstört", ist Laschet "lost"

Der YouTuber knöpft sich vor der Bundestagswahl wieder die Union vor. Das dürfte besonders in der CDU böse Erinnerungen wecken, die schon 2019 im Umgang mit Rezo „todeslost“ war.

von Sandra Lumetsberger

Vor Social-Media-Stars hatten die politischen Parteien bisher nicht viel zu befürchten. Geht es in deren Kanälen auf YouTube und Instagram doch vorrangig um Schönheits-Tipps, Kochrezepte oder Mode. Doch seit sich Rezo, ein in der Szene bekannter YouTuber mit blauem Hahnenkamm, vor zwei Jahren die Politik der CDU vorknöpfte, lässt sich das nicht mehr behaupten. Dem damals 26-Jährigen gelang etwas, wovon Politiker nur träumen können: Millionen junge Menschen haben sich ein knapp einstündiges Politikvideo angesehen – bis heute hat es 19 Millionen Aufrufe.

In "Die Zerstörung der CDU" spricht er über die mangelnde Klimapolitik der Großen Koalition, ihre Bildungs- und Rüstungspolitik und machte auf die soziale Ungleichheit im Land aufmerksam. Der Videoblogger aus Aachen, Nordrhein-Westfalen, berief sich dabei auf Studien, das Quellenverzeichnis schien endlos, und zitierte im saloppen Ton.

"Es geht um Respektlosigkeit"

Nun hat Rezo, der für sein erstes Video den Nannen-Preis bekam ("Bestes Web-Projekt") und auf seinen Kanälen mehr als drei Millionen Abonnenten hat, ein neues veröffentlicht: Fünf Wochen vor der Bundestagswahl widmet er sich einzelnen Politikern, die aus seiner Sicht "inkompetent" sind. "Es geht um Respektlosigkeiten und klare Unwahrheiten der Bevölkerung gegenüber. Es geht um illegale Aktivitäten und wie diese von Politikern nicht bekämpft, sondern geschützt werden. Es geht um die offensichtliche Verschwendung von Hunderten Millionen Steuergeldern", erklärt der YouTuber zu Beginn und weist darauf hin, dass nicht alle Parteien gleichmäßig vorkommen werden, "eben, weil diese krassen Fälle nicht in allen Parteien gleichmäßig auftreten", so Rezo.

"Todeslost inkompetent" oder Lüge

Zwar geht es kurz auch gegen die Grünen - ein Foto mit Grünen-Politikerinnen, wo die Männer am Rande weggeschnitten wurden, bezeichnet er als "verkrampft" – seine Kritik richtet sich aber hauptsächlich gegen Unions-Politiker. Besonders im Fokus: Der nordrheinwestfälische Ministerpräsident Armin Laschet, Kanzlerkandidat der Union. Es geht etwa um seinen Auftritt in den Hochwassergebieten bzw. seine Aussage, er wolle dort keine Bilder für den Wahlkampf erzeugen. Rezo stellt dem Bilder gegenüber, wo Laschet mit Gummistiefel im Wasser steht. "Die hat er vorher gemacht, als die bei der Krisenbesprechung anderthalb Stunden gewartet haben", sagt Rezo in die Kamera. Dann geht es um Laschets Sager zu Klimaschutz, wo er vor den Kameras im überfluteten Gebiet mehr Tempo versprach. Und später im WDR-Interview beim gleichen Thema darauf pochte, dass nicht die Zeit sei, politische Forderungen zu stellen.

Auch an seinen Aussagen zur Steuerentlastung arbeitete sich Rezo ab, die nicht mit dem Wahlprogramm der CDU übereinstimmen. Im ARD-Sommerinterview meinte der Unions-Kanzlerkandidat, dass es diese nicht geben wird, sein Wahlprogramm sieht allerdings ein "Entfesselungspaket" vor, das Unternehmen von Steuern und Bürokratie entlastet. Rezos Befund: Entweder sei Laschet "todeslost inkompetent" oder er habe gelogen.

Neben Laschet knöpft er sich auch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner vor. Bei ihr geht es um PR-Pannen, wie etwa das Video mit dem Nestlé Deutschland-Chef. Darin lobt sie die Reduktion des Fett-, Zucker- und Salzgehaltes der Produkte ("unfassbar inkompetent und unprofessionell"). Auch Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) wird wegen der Milliardenkosten für die gescheiterte Pkw-Maut kritisiert ("offensichtliche Verschwendung von Hunderten Millionen Euro").

Keine Reaktion aus der Union

Eine Reaktion aus der Union blieb bisher aus, wohl auch mit Blick auf 2019. Damals reagierte die Parteispitze unbeholfen, schoss sich zuerst auf Rezo ein, wollte dann eine Art Gegenvideo drehen, das sie wieder zurückzog. Sie wirkte letztlich altbacken und ratlos im Umgang mit jungen Menschen, die sich nicht in ihrer eigenen Nachwuchsorganisation tummeln. Mit einer Social-Media-Offensive versucht sie seither aufzuholen, aber abseits der eigenen Kanäle ist man zurückhaltend.

So schlug Laschet eine Einladung Rezos aus, vor der Bundestagswahl bei einem Kanzlerduell auf Youtube und Twitch mitzumachen. Geplant war ein 90-minütige Gesprächsformat, das er gemeinsam mit dem Blogger Tilo Jung in Zusammenarbeit mit Zeit Online moderiert hätte. Laschets Absage sei eine "verpasste Chance", so Rezo. "Alte Menschen entscheiden die Wahl und alte Menschen wählen weit überwiegend CDU/CSU. Für @ArminLaschet Grund genug, nicht einmal im Wahlkampf zu versuchen, junge Menschen zu erreichen", schrieb er auf Twitter.

Was Rezo, der bisher witzige Videos mit Musikcoverversionen oder Computerspielen online stellte, dazu brachte, politisch zu kommentieren, erklärte er in einem Interview mit dem deutschen Philosophen Richard David Precht. "Ich möchte schon mit solchen Sachen aufklären. (…) Das mache ich in irgendeiner Form auch, weil ich eine Verantwortung spüre, dass ich da Zeit reinstecke, weil es etwas Sinnvolles ist, was einen konstruktiven Diskurs auslösen könnte."

Seit sein jüngstes Video "Zerstörung Teil 1: Inkompetenz" am Samstag viral ging, wurde es bereits mehr als zwei Millionen Mal aufgerufen. Es wird vermutlich noch mehr Klicks generieren und nicht das letzte Video sein. Denn am Ende des Clips kündigte er an, dass auf den ersten Teil natürlich eine Fortsetzung folgt.

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