Politik | Ausland
30.07.2017

Rettungsboote als Magneten? "Viel Naivität" bei NGOs

Experten sehen Pull-Effekt durch Missionen, halten Diskussion aber für falsch: Es müsse um Ursachenbekämpfung gehen.

13 Schiffe privater Hilfsvereine sollen es sein, die im Mittelmeer Flüchtende einsammeln, 2016 waren sie an 40 Prozent der Hilfseinsätze beteiligt, berichten italienische Medien. Ist das ein "Wahnsinn", wie Außenminister Kurz sagt, weil sich die Retter zu Handlangern der Schlepper machen? Oder ist der Vorwurf, je mehr Retter, desto mehr Flüchtlinge, falsch?

Die Antwort darauf ist nicht gerade einfach. Es eine Studie der Uni Oxford, die belegt, dass Zeiten mit verstärkten Rettungsaktionen keineswegs zu vermehrter Flucht führen; daneben gibt es Experten, die das Gegenteil sagen. Kilian Kleinschmidt, ehemals Chef des größten Flüchtlingslagers der Welt, spricht im Gespräch mit dem KURIER von viel Positivem, aber auch "viel Naivität" bei den NGOs: "Natürlich haben Rettungsaktionen eine beruhigende Wirkung auf jene, die sich auf die Reise begeben. Und daran denken auch die Schlepper." Ähnlich schätzt auch Belachew Gebrewold, Professor am Management Center Innsbruck und Autor mehrerer Bücher zum Thema, die Lage ein: "Je mehr Menschen ankommen, desto mehr Informationen fließen in deren Heimatländer zurück", sagt er – das könne natürlich animierend wirken. Diesen Effekt spüre man aber nicht umgehend, und das sei auch der Fehler der Oxford-Studie: Die untersuchten Zeiträume seien zu kurz – es dauere, bis jemand genug das Geld zur Flucht habe und alles organisiert sei.

"Eigeninteresse statt Nächstenliebe"

NGOs deshalb aber gleich in die Nähe von Schleusern zu rücken, wie das in der Politik mitunter der Fall ist, sei jedoch grundfalsch, sagen beide. Sie sehen die hitzige Diskussion um die Mittelmeer-Route ohnehin kritisch: "Das Thema Migration ist nichts, womit man im Wahlkampf punkten kann und sollte – da löst man nichts mit Hüftschüssen", sagt Kleinschmidt. "Statt der Mittelmeerrouten-Bekämpfung sollte man auf Ursachen-Bekämpfung setzen. Nicht aus Nächstenliebe, sondern aus eigenem Interesse", sagt auch Gebrewold.

Ansetzen müsse man bei der Wirtschaft. "Wir erwürgen Afrika mit unserer Handelspolitik", sagt Kleinschmidt, darum würden sich auch so viele auf den Weg machen. Parallel dazu basiere die EU-Wirtschaft auf Migranten, legale Immigration finde aber kaum statt: "Wir haben einen Bedarf an Leuten, die die Drecksarbeit machen, aber vertuschen das."

Das Geld für Maßnahmen im Mittelmeer sei darum weiter südlich, in den Wüstengebieten, besser eingesetzt – dort müsse man die Leute davon abhalten, "in diesen Wahnsinn zu gehen", sagt Kleinschmidt . "Wo sind da die NGOs? Es ist offenbar einfacher, Geld für ein Schiff am Mittelmeer aufzutreiben als für vernünftige Arbeit in der Wüste – das ist unsexy."

Migrationsbekämpfung als Mythos

In Libyen, auf das sich nun alle Augen richten, habe sich indes eine Industrie um die Schlepperei aufgebaut, an der "nicht nur der, der das Boot auf die Reise schickt, sondern auch Sicherheitsorgane verdienen", sagt Kleinschmidt. Lager, wie Macron und Kurz sie erwägen, hält er darum für die "Extremoption", die ohne legale Immigrationswege nur zu "Alternativschmuggel" führen. "Viele werden vermeiden, dort reinzukommen, andere werden abhauen."

Die Hoffnung, alle Fluchtrouten schließen zu können, hält er deshalb für falsch. "Dass man Migration bekämpfen muss, ist ein Mythos der Politik. Man muss sie managen."

Der KURIER begleitet aktuell das Rettungsschiff "Vos Prudence" von Ärzte ohne Grenzen im Juli 2017 bei einer Mission im Mittelmeer. Lesen Sie hier die gesammelten Blogeinträge.