Politik | Ausland
07.05.2017

Nordkorea: Ostblock-Feeling ohne Westfernsehen

Bilanz nach sieben Tagen im rigidesten System der Welt, das so ist, wie man denkt – und doch ganz anders.

Wer Nordkorea besucht, gehört zu einer raren Spezies. Es sind nur rund 10.000 Europäer pro Jahr, die dieses Land, das ein bisschen größer als Österreich ist und von 24 Millionen Menschen bewohnt wird, bereisen. Der weitaus größte Teil der Nordkorea-Touristen sind Chinesen. 80.000 von ihnen brechen zu einer Grusel-Zeitreise ins Nachbarland auf, in der Regel nur für drei Tage und für genussvolles Schaudern: Ja, so war es früher auch bei uns!

Viele Europäer stellen sich Nordkorea wie die DDR vor, nur mit unterernährten Menschen. Aber das stimmt nicht mehr. Ich habe nirgendwo, auch nicht auf dem Land, unterernährte Menschen gesehen, wohl aber uninformierte. Die meisten DDR-Bürger wussten dank Westfernsehen über das Weltgeschehen ganz gut Bescheid. Und DDR-Bürger konnten sozialistische Bruderländer besuchen und Vergleiche anstellen.

In Nordkorea hingegen besitzt das Regime nach wie vor die totale Informationshoheit, und ein Nordkoreaner darf niemals ins Ausland. Und anders als im realsozialistischen Osteuropa, wo der Schlendrian regierte, ist Nordkorea ein Land von beängstigender Disziplin.

Airport mit zwei Flügen

Wenn man aus Peking kommend in Pjöngjang landet, staunt man, denn der kaum zwei Jahre alte Flughafen Sunan ist ultramodern und ehrlich gesagt schöner als sein Wiener Pendant. Schaut man auf die Anzeigetafeln in dem fast menschenleeren Airport, ist man verblüfft: auf drei Terminals werden heute nur zwei Passagierflüge abgefertigt, der eine nach Peking, der andere nach Shenyang. Aber ehrenhalber muss man doch sagen, es gibt noch eine dritte Destination: Wladiwostok! Und überhaupt: Die staatliche Air Koryo fliegt mit modernen russischen Jets und das Bordmenü ist deutlich besser als das der AUA.

Am Flughafen gibt es Zeitschriftenläden, in denen man Propaganda-Magazine in mehreren Sprachen erwerben kann und lernt, wofür man in Nordkorea ins Gefängnis kommen kann. Besucher werden belehrt, dass man die Publikationen sorgsam aufbewahren müsse. Wer ein Magazin, in dem die großen Führer des Landes vorkommen, vernudelt, wegwirft oder auch nur eine Bierflasche darauf stellt, kann mit einer Haftstrafe wegen Führer-Beleidigung belegt werden.

Pjöngjang ist eine saubere, geordnete Drei-Millionenstadt mit modernen Hochhäusern und zeitweise dichtem Autoverkehr. Alles moderne Autos und Limousinen, sogar solche, die man niemals hier vermuten würde, wie einen Jaguar in dezentem British Racing Green.

Die Wagen haben unterschiedlich farbige Kennzeichen, zum Beispiel blaue für Firmenautos, schwarze fürs Militär, gelbe für Diplomaten und rote für die Bonzen, sodass es nicht wie bei uns vorkommen kann, dass ein Polizist versehentlich den dahinrasenden Wagen eines Spitzenpolitikers aufhält.

Man sieht auch sehr viele Handys, drei Millionen davon soll es inzwischen geben. Auslandstelefonate und mobiles Internet sind natürlich nicht möglich. Die Leute, die man sieht, sind – bis auf Mao-Look-ähnliche Jacken – so angezogen wie wohl bei uns die Menschen in den 50er-Jahren: die Männer großteils in Anzügen, Frauen in adretten Kostümchen oder der Nationaltracht. Es fehlt die Graffiti-Pest, die westliche Metropolen verslumt, dafür aber gibt es nur wenige Lokale für Einheimische, die man sich wie die Speisegaststätten der DDR vorstellen muss.

Bewacher für Touristen

Ausländer essen nur im Getto, in eigenen Restaurants oder zumindest abgetrennten Abteilungen. Überhaupt ist die Bewegungsfreiheit für Besucher radikal eingeschränkt. Nordkorea ist das einzige Land der Welt, in dem man sich nicht ohne Bewacher, pardon Guide, bewegen darf. Egal, ob man in einer Gruppe oder individuell einreist, was problemlos möglich ist – außer man ist Drogenhändler, Pfarrer, Militär oder Journalist – wird man immer von zwei Aufpassern begleitet, einem Reiseleiter und einem Stasi-Mann. Die sitzen meist schon morgens um sechs in der Hotelhalle, um zu verhindern, dass ein frecher Westler als Jogger verkleidet alleine die Stadt erkundet. Die Reiseleiter haben die schwierige Aufgabe, Touristen durchs Land zu schleusen, ohne dass diese mit Einheimischen in Kontakt kommen. Fotografieren ist erlaubt, aber keine Nahaufnahmen von Menschen.

Das gilt besonders am Land, wo die Bevölkerung ähnlich lebt wie im 19. Jahrhundert. Der auffälligste Unterschied zu ländlichen Landstrichen bei uns ist die große Zahl an Menschen. Die Landstraßen sind voller Fußgänger und Radfahrer, auf den Feldern arbeiten unzählige Menschen. Die Landwirtschaft ist kaum mechanisiert. Man sieht jede Menge Ochsenkarren und Holzpflüge.

Nordkorea ist landschaftlich schön, mit viel Küste, Bergen, alten buddhistischen Tempeln und Königsgräbern, und hätte alles, was es für den Tourismus braucht, aber Besucher in Scharen wollen nicht kommen. Tatsächlich spürt man überall den Mangel an Freiheit und den Atem der Diktatur.

Wirklich gespenstisch wird es am heiligsten Platz des Landes, im Palast der Sonne. Falls Sie es noch nicht wussten, Kim Il-Sung, der 1940 vor den Japanern in die Sowjetunion geflohen war (ganz Korea war von 1910 bis 1945 eine japanische Kolonie) und von Stalin als Führer der Volksrepublik eingesetzt wurde, ist die "Sonne der Menschheit". Folgerichtig heißt das gigantische Mausoleum, in dem Kim Il-Sung und sein Sohn Kim Jong-il aufgebahrt sind, der Palast der Sonne.

Es ist ein fantastisches Monument mit langen Gängen und riesigen Hallen, in dem man selbst ganz, ganz klein wird. Nachdem man eine Luftschleuse passiert hat, betritt man einen riesigen, abgedunkelten Saal, der von schwer bewaffneten Soldaten bewacht wird, und darf den in der Mitte platzierten Sarg des Diktators ehrfürchtig umrunden – samt dreimaliger Verbeugung. Man ahnt: hier bloß keine Fehler machen. Verbeugen vor den Führerstatuten im Land ist übrigens auch Touristenpflicht und die meisten haben damit nicht das geringste Problem. Nachdenklich macht das schon: Ist das dasselbe wie der freundliche Hitlergruß ausländischer Sportler bei der Olympiade 1936?

Spürbare Spannung

Szenenwechsel. In Panmunjon, an der heißesten Grenze der Welt, stehen sich nord- und südkoreanische Soldaten in einem Abstand von ein paar Metern ohne Grenzzaun gegenüber. Die Spannung ist spürbar. Ein nordkoreanischer Major fragt mich, was wohl die Amerikaner tun würden? Ich sage, vermutlich alles, um zu verhindern, dass Nordkorea Interkontinentalraketen baut, die bis Nordamerika fliegen können. Aber warum, sagt der Major, China und Indien haben auch Interkontinental-Raketen, warum nicht auch Nordkorea? Das ist schwer zu beantworten ohne Führerbeleidigung.

Erfahrung mit Krieg

Hat Donald Trump recht, wenn er Flugzeugträger zur Einschüchterung schickt? Im Juni 1950 hat ein ehrgeiziger 38-jähriger Diktator namens Kim Il-Sung versucht, den Süden Koreas zu erobern, und einen dreijährigen Krieg vom Zaun gebrochen, der 4,5 Millionen Menschen das Leben kostete. Es gibt die Vermutung, dass eine unbedachte Äußerung des damaligen US-Außenministers Dean Acheson daran eine Mitschuld trug. Acheson hatte indirekt erklärt, dass Südkorea nicht zum Interessengebiet der USA im Pazifik gehöre. Kim Il-Sung fasste dies wohl als Einladung auf. Jetzt gibt es wieder einen jungen Diktator, gerade einmal 33 Jahre alt, für den es nichts Schöneres zu geben scheint als gelungene Raketenstarts, während in seinem Land die Bauern mit Holzpflügen Furchen in die Erde ziehen.

Auf dem Rückflug sagt die Chefstewardess feierlich auf Englisch: "Wir fliegen jetzt über die Grenze unseres schönen Nordkoreas und sollten bei dieser Gelegenheit unserem Führer, Marschall Kim Jong-un, für seine großartigen Leistungen danken." Bei der Landung denke ich: Vergiss den Smog, Peking ist heute wieder besonders schön.