© Evelyn Peternel

Reportage
02/28/2016

Sachsen: Braunes Land, zerrissenes Land

Gewalt und Hass gegen Asylwerber: Was läuft verkehrt im Osten? Eine Spurensuche.

von Evelyn Peternel

Vor einem Jahr war er noch mittendrin. Heute steht Matthias Weinlich abseits.

"Was da oben erzählt wird, sind ja auch nur Lügen", sagt der Kfz-Mechaniker.

Da oben, da steht einer der Redner der Freitaler Bürgerinitiative. "Wir haben genug!", ruft der Mann ins Mikrofon; er meint die Asylwerber, die in der Gemeinde nahe Dresden wohnen. Die 200 Menschen, die heute zur Demo gekommen sind, applaudieren; einer schwenkt eine Fahne, "Freital bleibt deutsch" steht darauf.

Weinlich hat sie mitbegründet, die Bewegung, die heute gegen die paar Hundert Flüchtlinge im Ort protestiert. Man feiert ersten Geburtstag, erinnert sich, wie man im Sommer tagelang das Asylheim blockierte. "Freital wehrt sich", riefen sie damals; "braune Schande Sachsens" hallte es dem Ort entgegen. Immer wieder Sachsen, hieß es damals; schon wieder Sachsen, heißt es nun nach den Vorfällen in Clausnitz und Bautzen.

Aber warum eigentlich?

Chauvinimus

Hans Vorländer hat dafür seine eigene Erklärung. "Sächsischer Chauvinismus", sagt der Politologe, der an der TU Dresden forscht. "Ich bin hier auch Ausländer", sagt er, und die Ironie in dem Satz ist nur sehr leise. Vorländer ist aus dem Westen, seit 1993 lebt er hier – und genau das sei sein Problem: "In letzter Zeit bin ich oft darauf hingewiesen worden, dass ich nicht aus Dresden bin", sagt er. In der Hauptstadt, im ganzen Land gebe es schon immer eine spezielle Haltung zur eigenen Herkunft, sagt Vorländer; das hätten die Nazis ausgenutzt, das hätten jene zu spüren bekommen, die nach der Wende nach Sachsen gezogen seien. Daraus habe sich ein Kulturkampf entwickelt, von dem auch die NPD profitiert habe – und dessen jüngster Spross Pegida heiße.

Stammtisch-Ritual

Der "Stammtisch auf der Straße", wie Vorländer die Bewegung nennt, sei zu einem Ritual der Unzufriedenen in der Mitte geworden. Das ist auch in Freital so. Auch dort stehen Pegida-nahe Redner auf der Bühne; und die Menge, die ist zufrieden, weil sie einen Ort zum Austausch hat. Viele trinken ihr Bier und unterhalten sich, ihnen geht es nicht so sehr darum, was der Redner sagt, oder ob der Typ, der nebenan steht, zu NPD gehört.

"Warum ich hier bin? Na, das ist schwierig", sagt ein junger Mann mit einer Fahne des deutschen Kaiserreichs in der Hand. Er glaubt, dass die Monarchie besser für Deutschland sei; im Prinzip sei er aber gegen die Fremden. Neben ihm steht eine Gruppe Skinheads, daneben eine Mutter mit Kind. Was sie eint? "Sie suchen nur eine Plattform", sagt Vorländer. "Und viele nehmen dafür Grenzüberschreitungen in Kauf." Und die gibt es zuhauf. Auf dem Logo der Initiative steht "Ich wohne im Schandfleck und bin stolz darauf."

"Glücksritter"

Die Politik wirkt daneben etwas handlungsunfähig. Das liege auch daran, sagen Experten, dass man zu lange blind war, die Entwicklungen sogar begünstigt habe. Die CDU, die seit der Wende an der Macht ist, hat weggeschaut, als die NPD mit mehr als neun Prozent in den Landtag einzog, zeigte kaum Berührungsängste, als Pegida Dresden eroberte. Auch in Freital war man nicht gerade entschlossen. Im Gegenteil. Der CDU-Bürgermeister nannte viele Flüchtlinge "Glücksritter, die kommen, um auf Kosten der Gemeinschaft ein sorgloses Leben ohne Gegenleistung zu führen." Das war kurz, bevor die Proteste eskalierten.

Heute hofft man in Freital darauf, dass es nicht kracht, auch viel Polizei ist da. Sie steht auch bei der Gegendemo ein paar Hundert Meter weiter; dort grölen 100 Autonome. "Das tut nicht gut", sagt die Kellnerin im Dorfgasthaus, sie fürchtet um Einbußen, ebenso wie die Tourismusbranche. Seit Pegida hat das Land sinkende Besucherzahlen.

Bruchlinien

Am Ende der Demo ist nichts passiert. Aber der Ort ist zerrissen, ebenso wie das Land. Auch Matthias Weinlich geht es so. Er, der den Protest mitorganisierte, ist noch immer unzufrieden, aber mit denen, die jetzt das Wort führen, will er nichts mehr zu tun haben. Ihm sei es zu viel geworden, zu rassistisch. Deshalb engagiert er sich selbst in der Flüchtlingshilfe. Und will vielleicht politisch werden – und für den Stadtrat kandidieren.

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