Proteste

Paris: Vorortjugend und Polizei im Clinch

Mütter-Initiativen stoppten den Aufruhr nach schwerer Misshandlung eines 21-Jährigen.

von Danny Leder

02/22/2017, 06:15 PM

„Es sind die Mütter, die das Schlimmste verhindert haben“, sagt ein junger Bewohner der Sozialbau-Siedlung „La Rose des Vents“ im Pariser Vorort Aulnay-sous-Bois – Nachsatz: „Zumindest bisher“. Tatsächlich herrscht nach den ursprünglichen, zehn Nächte andauernden, punktuellen Ausschreitungen im Pariser Vorortegürtel wieder prekäre Ruhe. Dafür sorgte ein regelrechtes Netz von engagierten Müttern, das vermittelnd zwischen Jugendlichen und Behörden aufgetreten war.

Ausgelöst wurden die Unruhen durch einen erschütternden Vorfall Anfang Februar in Aulnay: Theo, ein unbescholtener, 21 jähriger Jugendbetreuer war im Rahmen eines Streits bei einer Polizei-Kontrolle von drei Beamten niedergerungen worden. Dabei wurde er mit einem metallenen Schlagstock förmlich aufgespießt. Er erlitt eine 10 Zentimeter lange Wunde im Afterbereich, der Schließmuskel wurde durchschnitten.

Anschließend, so berichtete Theo, hätten sich die Beamten, die ihn in ihrem Wagen gefesselt ins Kommissariat brachten, über seine Wehklagen lustig gemacht und ihn rassistisch beschimpft (Theo ist schwarz).

Die Polizisten, gegen die ein Anklageverfahren läuft, behaupten, der groß gewachsene und kräftige Theo habe sich ihnen aggressiv widersetzt, die Verletzung im Afterbereich sei im Handgemenge „unabsichtlich“ erfolgt.

Ursprünglich wollten die Polizisten, Angehörige einer Sondereinheit, eine Gruppe von Dealern stellen, die durch Warnrufe alarmiert wurden und flüchten konnten. Statt dessen kamen Theo und ein Freund den Beamten entgegen. Diese hielten den Freund für den Komplizen der Dealer und ohrfeigten ihn. Woraufhin Theo, laut Behauptung der Polizisten, schimpfend und drohend dazwischen ging. Während Theo erklärte, er habe die Beamten höflich zur Rede gestellt und allein dadurch ihren Furor ausgelöst.

Weitere Polizei-Übergriffe

Obige Details haben ihre Bedeutung, weil sie die jeweiligen Interpretationen und auch politischen Frontstellungen in der Angelegenheit nähren. Die Vororte-Jugend, die vielfach aus arabischen und afrikanischen Familien stammt (die allerdings meistens schon seit mehreren Generationen in Frankreich leben), klagt über andauernde, demütigende Polizei-Kontrollen und Übergriffe von Beamten, die nur extrem selten von der Justiz geahndet werden. Allein seit der Affäre um Theo wurden zwei weitere Fälle publik, bei denen jeweils ein Bewohner von Aulnay, der nicht schnell genug einem Polizeitrupp auswich, von den Beamten verprügelt worden war. Gleichzeitig wurde ein Prozess in einer weiteren Vorstadt, Bobigny, gegen einen Gemeindepolizisten vertagt, der ebenfalls mit einem Schlagstock einem 28 Jährigen bei seiner Festnahme eine Afterverletzung zugefügt hatte.

Im Hintergrund ist auch noch der Fall eines 24 jährigen Franko-Afrikaners virulent, der im Juli 2016 bei einem Polizei-Einsatz starb. Der junge Mann war von drei Beamten zu Boden gedrückt worden und dabei in Atemnot geraten. Trotzdem beharren die Behörden auf einer „chronischen Infektion“ als Erklärung für seinen Tod.

Brandanschlag auf Polizisten

Umgekehrt ist für die Polizisten die Gefahr in einigen Brennpunkt-Vierteln allgegenwärtig. Erst im vergangenen Oktober verübten ein dutzend vermummter Jugendlicher – vermutlich Drogendealer – einen Brandanschlag auf einen vor ihrer Siedlung stationierten Streifenwagen. Dabei versuchten sie die Insassen im Wagen zu blockieren. Eine Polizistin und ihr Kollege erlitten lebensgefährlichen Verbrennungen.

Aber auch sonst kann für die Beamten jeder Einsatz in gewissen Sozialbau-Siedlungen zum Spießrutenlauf werden. Halbwüchsige rotten sich schnellstens zusammen, um die Beamten zu provozieren und mit allerlei Wurfgeschossen zu traktieren. Wobei die größte Gefahr in den höheren Stockwerken lauert, von wo schweres Baumaterial auf die Polizisten hinunter prasseln kann.

„Am Ende nimmt der Wunsch nach Rache Überhand“, gesteht ein (anonymer) Beamter im Gespräch mit dem Blatt „Le Monde“: „Die Burschen wollen uns testen. Wenn sie eine Ohrfeige bekommen, werden sie sich das nächste Mal ruhig verhalten“.

Das ist natürlich nicht die offizielle französische Polizeidoktrin, aber de facto läuft die Aufgabenstellung für die Sicherheitskräfte „auf eine andauernde Konfrontation mit den jungen Männern in den benachteiligten Vierteln hinaus“, wie der Soziologe Sébastien Roché konstatiert. Wenn etwa ein und dieselbe Person, die den Polizisten längst namentlich bekannt ist, fünf Mal pro Tag einer Ausweiskontrolle unterzogen wird, sind Zusammenstöße vorprogrammiert: „Blicke und Worte werden gewechselt, Posen eingenommen. Bei jeder dritten Kontrolle kommt es zu Beschimpfungen und körperlichen Auseinandersetzungen“.

Um dagegen anzukämpfen, gibt es einige Vorschläge, die auch im französischen Innenministerium erwogen werden: Polizisten sollen mit Kameras ausgestattet werden und diese bei jeder Amtshandlung einschalten müssen. Oder zumindest bei jeder Ausweiskontrolle der betroffenen Person eine Bestätigung aushändigen. Aber bisher wagten auch linke Innenminister derartige Forderungen nicht umzusetzen. Einerseits aus Angst vor den Polizeigewerkschaften, aber auch weil die Behörden keinen gangbare Alternative sehen, um die Schattenwirtschaft und den Drogendeal in Schach zu halten, der einen Teil der arbeitslosen Jugendlichen in den Vorstädten über Wasser hält.

Aus Angst vor Dealern Mieter umgesiedelt

Räumt die Polizei das Territorium, weil sie über nicht genügend Einsatzkräfte verfügt und keine Dauerunruhen provozieren möchte, droht die Total-Herrschaft der Dealer. So geschehen in einer Sozialsiedlung am Rande der Kleinstadt Compiegne, nördlich von Paris. Nach andauernden Gewalttaten der Drogenbanden veranlasste dort die Siedlungsverwaltung soeben das Zumauern mehrerer Stiegenhäuser und die Umsiedlung aller Mieter.

Auch die Familie des Polizei-Opfer Theo betont: „Wir brauchen die Polizei, aber diese darf die Gesetzesbrecher in ihren eigenen Reihen nicht schonen“. Zur Beruhigung der Situation trug der Besuch von Staatschef Francois Hollande bei Theo im Spital bei. Bei der Gelegenheit rief Theo seine Freunde dazu auf, Ruhe zu bewahren: „Ich liebe meine Stadt Aulnay, und ich möchte sie so wieder finden, wie ich sie in Erinnerung habe. Also Burschen, stopp mit dem Krieg“.

Die Überraschung kam schließlich vom neuen, konservativen Bürgermeister von Aulnay, einem vormaligen, stets hart auftretenden Polizeioffizier und Sprecher einer Polizeigewerkschaft: er solidarisierte sich ebenfalls mit Theo und beharrte darauf, die Tat als „Vergewaltigung“ einzustufen – was von Polizeikreisen in Abrede gestellt wird. Nur die Nationalistin Marine Le Pen erklärte zum Fall Theo: „Aus Prinzip unterstütze ich die Polizisten“.

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