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Politik Ausland
04/20/2020

Proteste gegen Sperren in USA: "Ich muss arbeiten, um zu leben"

USA: Proteste gegen die Ausgangssperren werden heftiger - und Trump stachelt die Wütenden weiter an - ein KURIER- Lokalaugenschein.

von Konrad Kramar

Der ungewöhnliche Auto-Korso, der sich in Steinwurfweite des ältesten Parlamentsgebäudes Amerikas (1779) durch die engen Straßen von Annapolis zwängt, ist zum Stehen gekommen. Und Dolores Garrity kämpft hinter dem Lenkrad mit den Tränen.

Die 61-jährige aus Eastern Shore ganz in der Nähe der Hauptstadt des US-Bundesstaates Maryland hat sich ein Pappschild gemalt und lässt die Seitenscheibe herunter. “Ich will mein Geschäft retten, ich muss arbeiten, um zu leben", steht darauf, "sonst werde ich sterben.” 

"Meine Ersparnisse sind weg"

Garritys Friseur-Salon ist seit über fünf Wochen bedingt durch die Auflagen von Gouverneur Larry Hogan in der Coronavirus-Krise zwangsgeschlossen. Haareschneiden gilt in Maryland nicht als “essentielles” Geschäft. 10 000 Dollar Umsatz pro Woche fehlen ihr. Vier Angestellte musste sie entlassen. “Meine Ersparnisse sind weg. Ich kriege keine Kredite. Essen muss ich mir bei Freunden und Verwandten borgen”, sagt die füllige Frau dem KURIER, “meine Würde ist mir genommen worden. Wenn das noch lange so weiter geht, bin ich tot.” 

"Macht Maryland wieder auf"

Garrity ist an diesem verregnet-kühlen Samstag kein Einzelfall in der beschaulichen Küstenstadt eine Autostunde östlich von Washington. Hunderte sind dem Aufruf der im Internet groß gewordenen Gruppe #ReopenMaryland (etwa: Macht Maryland wieder auf) gefolgt. Sie fordert  die umgehende Aufhebung der Vorschriften, mit der Gouverneur Hogan der grassierenden Epidemie Herr werden will, die bisher 13 000 Infizierte und über 500 Todesfälle in Maryland zurückgelassen hat. 

"Quarantäne ist nur was für Kranke"

Weil Versammlungsverbot besteht, setzen die Demonstranten auf Blechlawine und Hupkonzert. Einige haben mit Wachsstift Parolen auf ihre Trucks geschrieben: “Lass mich arbeiten, damit ich meine Kinder ernähren kann”, ist da zu lesen. Oder: “Quarantäne ist nur was für Kranke”. Oder: “Alle Jobs sind essentiell.” 

Andere schwenken die Konföderierten-Fahne der Südstaaten oder halten Abschriften der amerikanischen Verfassung aus dem Seitenfenster. Viele, sehr viele tragen “Make Amerika Great Again”-Kappen (oder -Mundschutz) und geben sich als Anhänger von Donald Trump zu erkennen. 

Der Präsident gilt als heimlicher Ideengeber des Protests, der sich seit Mitte vergangener Woche im ganzen Land ausbreitet. Ohio. Utah. Virginia. North Carolina. Michigan. Oklahoma. Texas. Fast überall ziehen inzwischen Enttäuschte in Hundertschaften vor das jeweilige “State Capitol”, um ihren Unmut gegen die als zu restriktiv empfundenen Verhaltensregeln (”lockdown”) auszudrücken. 

Viele fühlen sich von Trump geradezu ermutigt, seit der Präsident seinen 78 Millionen Anhängern auf Twitter Aufrufe wie “Befreit Minnesota”, “Befreit Michigan” und “Befreit Virginia” zukommen ließ und Restriktionen in etlichen Bundesstaaten als überzogen darstellte. Immer entlang seiner bereits vor Wochen gemachten Feststellung, wonach die Therapie gegen das Coronavirus (Ausgehsperren etc.) nicht schlimmer sein dürfe als die Seuche selbst. 

In Maryland, wo mit Larry Hogan ein beliebter und als besonnen bekannter Republikaner regiert, stößt das sauer auf. War es doch Trump, der zuletzt den Gouverneuren die Alleinzuständigkeit bei der Entscheidung zuwies, wann und wie das öffentliche Leben ihn ihren höchst unterschiedlich betroffenen Bundesstaaten wieder hochgefahren werden kann. 

Hogan wird Ende dieser Woche seinen Plan vorstellen, wie er den Bundesstaat, in dem sich zuletzt über 300 000 Menschen arbeitslos meldeten, schrittweise ab Mai wieder in die Normalität führen will. Weil in Maryland die Kurve von Infektionen und Todesfällen weiter nach oben zeigt, “kommt eine schnelle Öffnung nicht in Betracht”, heißt es im Umfeld des Gouverneurs.

Dort ist man vergrätzt darüber, dass Trumps eigene Richtlinien festgelegen, dass in einem Bundesstaat besagte Kennziffern erst 14 Tage lang konstant rückläufig sein müssen, bevor die ersten Anti-Corona-Schutzmaßnahmen gelockert werden können. “Wir befolgen genau diesen Rat”, sagt ein Mitarbeiter der Regierung in Annapolis, der die Autokorso-Proteste am Samstag aus nächster Nähe verfolgte. 

Dabei fiel auf, dass es nicht immer persönliche Schicksale wie im Fall von Dolores Garrity waren, die hinter dem Aufbegehren stehen. Rechtslastige Splitter-Organisationen, Libertäre, Impfgegner, Verschwörungstheoretiker Staatsverächter und Dreckschleuder-Medien wie “Infowars” nutzen die Krise als Plattform für Propaganda und Irreführung. 

"Nicht schlimmer als Grippe"

Auf Plakaten werden demokratisch gewählte Gouverneure und Bürgermeister als “Tyrannen” gegeißelt, die sich von einflussreichen Leuten wie dem Milliardär Bill Gates, der sich mit Privatkapital im Kampf gegen Seuchen und Viren engagiert, zu “Überreaktionen” verleiten ließen. “Corona ist nicht schlimmer als eine normale Grippe”, sagt Rob Dahl, “die Vorschriften zur sozialen Distanzierung sind übertrieben.” Der 37-jährige trug in Annapolis ein Plakat mit der Aufschrift “Legalisiert Umarmungen” vor sich her. Auf Mundschutz, wie von Gouverneur Hogan in Geschäften und beim Busfahren verpflichtend angeordnet, verzichtete er "ganz bewusst”.

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