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Politik Ausland
02/05/2021

Polen: Wie ungewollt Schwangere Hilfe in Berlin finden

Polen hat eines der schärfsten Abtreibungsgesetze Europas. Rat und Unterstützung bekommen betroffenen Frauen im Ausland - zum Beispiel bei "Tante Barbara".

von Sandra Lumetsberger

"Tante Barbara" hat in letzter Zeit viel zu tun: Wer sich bei ihr am Handy oder per Mail meldet, braucht dringend Rat oder Hilfe. Für manche Frauen ist sie sogar die letzte Rettung. Wenn sie etwa ungewollt schwanger werden. "Ciocia Basia" heißt Tante Barbara auf Polnisch und ist eine 2015 gegründete Organisation, die Polinnen auf legale Weise einen Schwangerschaftsabbruch vermittelt – in Deutschland, Österreich bzw. je nach Fortschreiten der Schwangerschaft in anderen Ländern, wo der Abbruch auch nach der 14. Schwangerschaftswoche möglich ist (Schweden, Holland).

In ihrem eigenen Land ist es den Frauen quasi unmöglich: Polen hat eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze Europas. Schwangerschaften dürfen nur abgebrochen werden, wenn sie Folge von Inzest oder Vergewaltigung sind oder der Fötus schwere Missbildungen hat. Nach einem Antrag der nationalkonservativen Regierungspartei PiS wurde selbst das als "unvereinbar" mit der Verfassung erklärt. Dabei wurden von den offiziell 1.110 Abtreibungen (2019) 1.074 mit Fehlbildungen des ungeborenen Kindes begründet.

Das Gesetz ist ein Rückschlag für Frauenrechte in Polen und setze "die Gesundheit und das Leben von Frauen aufs Spiel", kritisierte das EU-Parlament.

30 bis 40 Frauen melden sich pro Woche

Für die Frauen bedeutet es, dass immer mehr illegal und unter gefährlichen Bedingungen abtreiben, sagt Urszula Bertin im Gespräch mit dem KURIER. Die 53-Jährige engagiert sich bei "Ciocia Basia" – und berichtet von 30 bis 40 Frauen, die sich pro Woche  melden. Nicht immer geht es um einen Abbruch. "Viele wollen einfach reden, brauchen jemanden, der ihnen zuhört und versteht, wovon sie sprechen oder ihre Fragen beantwortet." Mal geht es darum, wo sie Antibabypille bekommen oder überhaupt welche Rechte sie haben. Wer sich bei ihnen meldet? "Es betrifft Frauen aus allen Schichten." Als Organsation im Ausland genießen sie deren Vertrauen, weil sie nicht wie in Polen verfolgt oder bedroht werden. Dort ist das Informieren über Abbrüche zwar legal, aber der Einfluss von Kirche und Regierung ist groß. 

Urszula Bertins Arbeit geht weit über die Gespräche und Dolmetschen hinaus. Sie hilft bei der Organisation der Reise, vermittelt ein in Deutschland verpflichtendes Beratungsgespräch und eine Klinik mit Ärzten, die sie gut kennen – "vertrauen ist sehr wichtig", sagt Bertin. Und berichtet von Medizinern, die versucht haben, die Notlage der Frauen auszunutzen und bis zu 800 Euro verlangten. Normalerweise kostet der Eingriff, je nachdem ob er medikamentös oder chirurgisch ist, zwischen 250 und 400 Euro. Wenn die Frauen das nicht bezahlen können, übernimmt "Ciocia Basia" die Kosten. Die Organisation ist auf Crowdfunding angewiesen.

Bertin arbeitet ehrenamtlich in dem Kollektiv. Was sie antreibt? "Wut". "Ich bin 53 und werde keine Kinder mehr bekommen, aber, wenn ich an Freundinnen, Kolleginnen in Polen denke, die darüber nicht entscheiden dürfen, macht mich das sehr wütend. Ihre Rechte werden mit Füßen getreten. Frauen sollten die Möglichkeit haben, Informationen darüber zu bekommen, welche Optionen sie haben."

Proteste ebben nicht ab

Dafür gehen seit Monaten zehntausende Frauen in Polen auf die Straße, PiS-Parteichef Jaroslaw Kaczynski sprach von einem "Angriff auf den polnischen Staat". Ultrarechte Gruppen, Nationalisten und Anhänger der erzkonservativen polnischen Kirche stellten sich ihnen bei Gegendemos in den Weg. Doch der "Strajk Kobiet" (Streik der Frauen) geht längst über die Grenzen des Landes hinaus. Auch in Berlin demonstrierten zuletzt Tausende. Polen sind hier die zweitgrößte ethnische Minderheit, gleichzeitig hat hier Julia Przylebska, Frau des polnischen Botschafters in Berlin, einen Wohnsitz. Sie hat als Vorsitzende des Verfassungsgerichts die Verschärfung des Abtreibungsrechts vorangetrieben.

Urszula Bertin war ebenfalls bei den Protesten in Berlin dabei. Dass sich bald etwas ändert, glaubt sie nicht. "Es ist eine Revolution in Gange, aber in die andere Richtung", sagt sie und erzählt vom gesellschaftlichen Backlash, den die PiS-Partei mit ihrem Verbündeten, der Kirche, vorantreibt. Da auch keine Wahlen anstehen, wird die Regierung ihre Arbeit weiter so fortsetzen. Dennoch sei es für Bertin wichtig, ein Zeichen zu setzen: "Man soll unsere Wut sehen und dass wir diese Gesetze nicht einfach hinnehmen." Solange sich dies nicht ändert, wird das Telefon bei "Tante Barbara" wohl weiter klingeln.

 

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