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Politik Ausland
09/06/2020

Fast abgehoben: Als Testerin am Flughafen Berlin

Ende Oktober soll der neue Flughafen BER eröffnen. Als Probefluggast wird einem klar: Da ist noch einiges zu tun

von Sandra Lumetsberger

„Stellen Sie sich einfach vor, das waren Luftlöcher“, sagt der Mann am Lenkrad. Einmal wird es noch holprig, dann manövriert er den Bus sanft Richtung Rollfeld. Beim Blick auf die parkenden Flieger kommt Fernweh auf. Die Maschinen bleiben heute aber auf dem Boden, genauso wie wir.

„Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug“, sagt der Busfahrer und grinst. Nach fünf Minuten erreichen wir das Gate. Pünktlich.

Ein Wort, das hier am Flughafen Berlin-Brandenburg, kurz BER, nicht unpassender sein könnte. Seit 14 Jahren wird gebaut, sechs Mal wurde die Eröffnung verschoben. Einmal war’s der Brandschutz, die zu kurze Rolltreppe, dann waren es die Monitore, die ihre Lebensdauer überschritten hatten. Mittlerweile sollen alle Mängel behoben sein, der TÜV gab grünes Licht und der Flughafenchef das Startdatum bekannt: 31. Oktober 2020.

Ehre statt Entlohnung

Genau deshalb stehen an diesem Vormittag knapp 400 Menschen vor Terminal 1, einem Würfel aus Glas und Beton. Es sind vor allem Senioren und Studenten, die gekommen sind, um den Flughafen zu testen. Dafür gibt’s keine Entlohnung, aber Ehre, wie ein Mitarbeiter bei der Begrüßung versichert: „Am Ende können Sie sagen: Auch ich habe zum reibungslosen Ablauf des BER beigetragen.“ Also leisten wir einen Beitrag dazu, dass Deutschlands größte Dauerbaustelle endlich fertig wird.

„So eine Gelegenheit bekommen wir nie wieder“, sagt eine Komparsin, die sich als Angelika vorstellt. Für den BER kann man es nur hoffen. 2011 war die Pensionistin bereits als Testerin angemeldet, dann wurde alles abgesagt. Umso mehr freut sie sich auf den heutigen Tag, der nach einer Einweisung („Bitte nicht auf die Gepäckbänder setzen, die könnten anspringen“) und Gesundheitscheck („Kein Schnupfen oder Husten?“) beginnt.

Dann wird einem eine grüne Warnweste überreicht, dazu ein Turnbeutel mit Apfel, Schokoriegel, Käse-Brot – und der Zettel mit den Aufgaben, sozusagen das Drehbuch für den Tag. Zuerst geht es als „Lissie Mendoza“ nach Grenoble. Die Zusatzaufgabe lautet „Speedy-Boarding“. Andere dürfen mit Fragen das Personal testen, Waffen schmuggeln oder bekommen Sperrgepäck. Zuerst aber müssen sich alle einen der alten Koffer oder Taschen schnappen, die mit Altkleider gefüllt sind und auf dem Rollband liegen. Lieber einen, der nicht zu schwer ist, rät Komparsin Angelika.

„Wo bitte ist Ilulissat?“

Um 11.30 Uhr ertönt das Signal, die Grünwesten schwärmen aus. Vor den Monitoren herrscht Stimmengewirr. Manche finden ob der kleinen Schrift ihren Flug nicht, andere kenne nicht einmal das Ziel („Wo bitte ist Ilulissat?“). Der Flug nach Grenoble ist dagegen schnell gefunden, um 12.45 soll geflogen werden. Nicht nur einmal. Laut Rollenspiel verlassen wir später den Schengenraum, kommen als UK-Passagiere an, die nach Dubrovnik fliegen.

Davor müssen die Koffer aufgegeben werden, was langsam vorangeht. „Eine Schlange und nur ein Schalter offen“, ruft eine Frau. Eine andere legt nach: „Das System mit den Absperrungen ist nicht durchdacht, da kommen sich alle in die Quere“, moniert sie und zeigt auf einen Mann, der sich mit dem Gepäckwagen an einer Rollstuhlfahrerin vorbeizwängt. „Die sollen mal nach Doha fliegen, das is’n richtig geiler Flughafen“, hört man von hinten. Klar, es testen Vielreisende, Flughafen-Kenner – jeder ein Experte für sich. Hätte man sie doch alle früher gefragt, der BER wäre sicher längst fertig.

Angelika hat die unendliche Baugeschichte nah miterlebt. Von den Dörfern, die dem Flughafen weichen mussten, bis zu den geplatzten Eröffnungen. Sie ist in Schönefeld aufgewachsen, war dort in der DDR eine der wenigen Flugzeugmechanikerinnen. 1968 wurde sie als eine von fünf Frauen unter 20 Männern ausgebildet. Und auch wenn der Himmel für sie begrenzt war, ist sie oft geflogen, um Flugzeuge nach Minsk, Kiew, Moskau zu überstellen.

Obwohl ihr Haus mitten in der Schneise liegt („Die schütten uns mit Lärm zu“), meint sie es gut mit dem BER („Ich steh’ dem positiv gegenüber“). Nun im Innenleben angekommen, stellt sie Verbesserungsbedarf fest. „Die Abflugzeiten sollten auf beiden Seiten des Monitors zu sehen sein.“ Was ihr gefällt: Die Gehzeit zum Gate ist angeschrieben – 15 Minuten sind es zu unserem. Es geht vorbei an leeren Duty-Free-Regalen, über einen Boden, der mit Baustellenfolie beklebt ist. Wo sonst Passagiere flanieren und einen die Durchsagen beschallen, hört man die eigenen Schritte widerhallen.

„Unkontrollierte Einreise“

Am Gate angekommen, ist das Bild vertrauter: Die Passagiere stehen zum Boarding an, steigen in den Bus. Der Fahrer bringt das Gefährt in Bewegung – nur nicht zum Flugzeug, sondern drumherum.

Gedanklich haben wir immerhin den Schengenraum verlassen und reisen am BER ein – da läuft uns ein Mitarbeiter entgegen und erklärt, die Bundespolizei sei noch nicht für die Grenzkontrolle da. Es dauert nicht lange, bis der Erste über „unkontrollierte Einreise“ witzelt, und einige lachen. Der Blick auf die Uhr zeigt aber: Mit dem Weiterflug wird es knapp. Ob das auch für die BER-Eröffnung gilt? Angelika glaubt an einen pünktlichen Start, „wenn sie nicht wieder was finden“.

Oft verschoben
Sechs Mal wurde der Flughafen-Start seit  Planungsbeginn 1992 verschoben. Am 31. Oktober soll   es soweit sein
 
9.000 Freiwillige
testen die Abläufe am Flughafen BER

Kostenexplosion
Rechnete man zu Baubeginn 2006 mit zwei Mrd. €, liegt der Kostenrahmen nun laut „Tagesspiegel“ bei 6,6 Mrd. €. Eine Studie, wonach bis 2023 bis zu 1,8 Mrd. nötig sind, um die Flughafengesellschaft vor einer Insolvenz zu retten, weist der  derzeitige Chef Engelbert Lütke Daldrup zurück

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