Krankenhaus in Rumänien

© REUTERS/ANDREEA CAMPEANU

Politik Ausland
08/13/2019

Osteuropa verliert seine Fachkräfte - auch an Österreich

Verheerende Zustände in den Krankenhäusern. Rumänien könnte sogar ein Fünftel der Bevölkerung verlieren.

von Ingrid Steiner-Gashi

Der Koffer ist gepackt; die betagte Mutter instruiert, was die Enkelkinder bis wann für die Schule erledigen müssen; das Essen für die kommenden Wochen ist vorgekocht. Alles muss bestens vorbereitet sein: Denn drei bis vier Wochen werden sie weg von daheim sein, jene rumänischen Frauen, die in Österreich als 24-Stunden-Pflegerinnen alte Menschen betreuen.

Aus keinem anderen europäischen Land kommen derzeit mehr Pflegekräfte zu uns als aus Rumänien: 27.000 Frauen waren es im Vorjahr, mehr als ein Drittel aller in Österreichs beschäftigten 24-Stunden-Pflegerinnen. Tendenz stark steigend.

Den Verdienst – oft zehn Mal mehr als daheim –, den die Frauen mit nach Hause bringen, tröstet über viele Nachteile hinweg: die Trennung von den Kindern, das Zurücklassen der Alten, das Risiko, ganz zu gehen. „Ihre Idee ist es nicht, auszuwandern. Sie wollen in Österreich arbeiten, aber daheim leben“, schildert Madalina Rogoz.

Die Expertin am International Centre for Migration Policy Development untersuchte die Auswirkungen der pendelnden Pflegerinnen und eruierte dabei „viele positive Effekte: Die Familien haben mehr Geld, und vor Ort sinkt die Zahl der Arbeitslosen.“ Ein Nachteil: Die Pflegekräfte, die man auch in Rumänien brauchen würde, sind am Verschwinden.

Die Ärzte sind weg

Das gilt auch, mit noch viel verheerenderen Wirkungen für das gesamte medizinische Personal Rumäniens: Anders als die 24-Stunden-Pflegerinnen haben allein in den den vergangenen zehn Jahren mehr als 43.000 rumänische Ärzte endgültig ihre Koffer gepackt.

Ebenso gingen Krankenschwestern, Pfleger, aber auch Bauarbeiter, Ingenieure, Dachdecker und Mechaniker, Lehrer und alle anderen, die in Rumänien weder Jobmöglichkeiten noch Perspektiven sahen. Rund 3,5 Millionen Menschen waren es in den zwölf Jahren seit dem Beitritt Rumäniens zur EU.

Ein Aderlass, der bei vielen Rumänen die bisher so euphorische EU-Stimmung gehörig ins Kippen brachte. „Früher überwog die Begeisterung, in der EU zu sein“, sagt Madalina Rogoz, „aber jetzt hört man immer öfter: ’Europa hat es bewirkt, dass meine Kinder im Ausland leben und nicht bei uns’.“

Die Freiheit, zu gehen

Die Freiheit der europäischen Bürger, innerhalb der EU arbeiten und leben zu dürfen, wo sie wollen, hat zu enormen Wanderungsbewegungen geführt. Hält der Trend an, wird Rumänien bis 2050 mehr als ein Fünftel seiner Bevölkerung verlieren. Stark gesunken ist die Einwohnerzahl im Vorjahr laut Eurostat auch in Bulgarien (–7,1%), Kroatien (–7,1%), Lettland (–7,5%) und Litauen (–5,3%). Die Angst vor der Auswanderung, sie rangiert in diesen Staaten laut Umfragen schon längst vor der Sorge ungeregelter Zuwanderung.

Die Möglichkeit im wirtschaftsstärkeren Deutschland, Frankreich oder auch Österreich einen Job zu finden, sieht der Bevölkerungsexperte Rainer Münz als „einen Segen für Länder wie Rumänien oder Bulgarien. Dadurch gelang es in diesen Ländern, die Arbeitslosigkeit relativ schnell zu senken.

Zudem schicken diese Menschen enorme Summen nach Hause“, sagt Rainer Münz, Mitglied des European Political Strategy Center und damit einer der führenden Berater von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker dem KURIER.

Bulgaren etwa sorgen mit den Rücküberweisungen an daheim für immerhin vier Prozent des bulgarischen Bruttoinlandsproduktes, bei Rumänen beträgt diese Quote 3,5 Prozent. „Zusammen mit den Strukturfondsmitteln der EU verbessert dies die ökonomische Situation in diesen Ländern erheblich“, so Münz.

Die Schattenseiten

Doch die Schattenseiten dieses Trends sind nicht weit: „Kommt es in diesen Ländern zu einem Aufschwung, sind die Arbeitskräfte nicht mehr da“, schildert der Bevölkerungsexperte.

Der Wiener Reinigungsdienstleister Reiwag musste diese Erfahrung in Rumänien machen: Die Aufträge wären vorhanden, nicht aber das Personal. Mit Spezialbussen werden deshalb mittlerweile viele der Beschäftigten zum Firmensitz nach Bukarest gekarrt. Der Arbeitsmarkt ist zunehmend wie leer gefegt. In den größeren Städten des Landes sind die Arbeitsplätze nicht mehr nachzubesetzen.

Freude über Brexit

Einige rumänische Politiker frohlocken deshalb bereits: Der Brexit sei das Beste, was Rumänien passieren könne. Dies werde viele der fast eine Million Rumänen in Großbritannien dazu bringen, wieder heimzukehren.

Doch so schnell führt der Weg nicht zurück in die Heimat. Erst muss die Wirtschaft daheim wieder ausreichend Jobs bieten, das Lohnniveau steigen und das politische Klima ein freundliches sein. „Aber natürlich ist der Trend zur Auswanderung auch wieder umkehrbar“, bestätigt Münz.

Er verweist dabei auf Europa: „Alle Staaten Europas mit Ausnahme Frankreichs waren früher Auswanderungsländer. Wir sind 400 Jahre lang ausgewandert. Dieser Trend hat sich umgekehrt.“

Polen braucht Arbeiter

Kann der zunehmende Mangel an Arbeitskräften in Osteuropa durch mehr Zuwanderung gelöst werden? Sollen jene Länder ihre Türen öffnen, die sich derzeit innerhalb der EU am vehementesten dagegen querlegen? In Polen etwa würde ohne die gut eine Million Ukrainer, die zum Arbeiten ins Land kamen, nichts mehr gehen.

Das allein entspricht der Größenordnung der Zuwanderung während des Flüchtlingsstroms 2015 aus dem arabischen Raum in der gesamten EU. Und doch reicht es nicht: Weil so viele Polen auswanderten, sollen diese Lücke bald zwei Millionen ukrainische Arbeitskräfte füllen.