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Politik Ausland
04/11/2020

Ostersonntag im Vatikan: Glaube, Liebe, Hoffnung, Zweifel

„Noch nie war die Gottessehnsucht so groß“, sagt Dompfarrer Toni Faber. Papst Franziskus spendet den Segen "Urbi et Orbi".

von Susanne Bobek

Wenn Papst Franziskus morgen um 12 Uhr seinen Segen „Urbi et Orbi“, über die Stadt Rom und den gesamten Erdkreis erteilt, dann ist Ostersonntag, das höchste Fest der Christenheit: Die Erlösungsgeschichte hat sich vollendet. Jesus geht den Weg durch den Tod am Kreuz zur Auferstehung.

Der Tod, so meinen die Christen, ist nicht das Ende. Das Beispiel Jesu lehrt: Wir können der Todesangst etwas entgegensetzen. Die Bibel nennt es: Glaube, Liebe, Hoffnung.

„Noch nie war die Gottessehnsucht so groß“, sagt der Wiener Dompfarrer Toni Faber, dessen Messen zuletzt im Radio übertragen wurden. Er glaubt, dass die Coronavirus-Pandemie viele zweifelnde Katholiken verändert und nachdenklicher gemacht hat. „An dieses Ostern werden wir uns noch lange erinnern“ sagt er. „Denn der Bedarf der Kirche zeigt sich in der Krise.“

Die Zeremonien im Petersdom und davor, ohne Menschenansammlungen, ohne Pilger, erzeugen eindrückliche Bilder. „Das ist großes Kino“, sagt Toni Faber. Nur einige Priester, Nonnen und Angestellte des Vatikans dürfen in den Petersdom.

Carabinieri forderten die Menschen an den Absperrgittern in der Karwoche auf, nach Hause zu gehen. „Schaut es euch im Fernsehen oder im Streaming über Vaticannews an“, bekamen sie zu hören.

Das Bistum Rom hatte bereits Mitte März die Schließung aller Kirchen angeordnet. Am Palmsonntag verstieß nur der Bischof von Frascati gegen das Gottesdienstverbot und feierte die Messe bei offenen Kirchentüren mit 50 Gläubigen. Er musste 206 Euro Strafe bezahlen.

Nichts für Feiglinge

„Vielen Menschen wird jetzt die Endlichkeit ihres Lebens bewusst. Und dann fragen sie: Wo finde ich meine Stärke, meine Kraft?“ Der Pfarrer von Fischamend, Ivica Stankovic, sagt, dass Papst Franziskus allen Mut machen will. „Habt keine Angst.“ „Nur wenn wir in uns gehen, finden wir Gott und lernen, dass vieles, was uns bisher wichtig war, eigentlich gar nicht bedeutend ist.“

Der kroatische Priester aus Mostar hat eine große Fangemeinde in Niederösterreich. Denn der 1,97 Meter große Hüne mit wuscheligem Lockenkopf predigt aus vollem Herzen und mit Händen und Füßen: „Nehmen ohne zu geben ist falsch. Wer nur immer weitergeht im Leben, ohne zu wissen wohin, liegt falsch. Das Leben ist nur durch die Liebe zu schaffen, denn Liebe ist Kraft.“ Glauben sei nichts für Feiglinge und Zyniker.

Papst Franziskus sieht in der Coronavirus-Krise auch die Chance, alte Muster zu ändern. Er stößt sich an unserer Kultur des Wegwerfens, des Ausmusterns und der Gewinnmaximierung. „Ich bete jetzt mehr, weil ich das Gefühl habe, dass ich es sollte“, sagte er in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview des britischen Autors und Franziskus-Biografen Austen Ivereigh.

Mit Blick auf die aktuelle Zeit der Unsicherheiten warb der 83-Jährige dafür, die Lehren der Vergangenheit nicht zu vergessen: „Wir haben ein selektives Gedächtnis.“

Aber: „In dieser Zeit, in der wir in Europa anfangen, populistische Reden zu hören, und Zeugen politischer Entscheidungen mit selektivem Charakter zu werden, ist es nicht schwer, sich an die Reden Hitlers von 1933 zu erinnern, die sich nicht so sehr von denen einiger europäischer Politiker heute unterscheiden“, sagt Papst Franziskus.

Der Pontifex warnt davor, die Hände in den Schoß zu legen.

„Jeder Tag zählt, jeder Tag, an dem wir mutlos sind und ohne Liebe für andere, ist ein verlorener Tag“, predigt Pfarrer Stankovic in Fischamend. Und der Dompfarrer von St. Stephan, Toni Faber, sagt: „Die Angst, die uns lähmen kann, ist kein guter Ratgeber.“ Es gehe im Leben auch darum, sich auf den Ernstfall des Sterbens vorzubereiten.

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