© Kurier/Franz Gruber

Interview
10/26/2019

Österreich in der Welt: "Und dann haben sie ´Edelweiß´ gespielt"

Eva Nowotny, jahrelang Botschafterin für Österreich in vielen Ländern dieser Welt, über Image und Klischees.

von Andreas Schwarz

KURIER: Frau Botschafter, Sie waren mehr als vier Jahrzehnte als Diplomatin auch im Ausland stationiert – wie hat sich das Österreich-Bild geändert?

Eva Nowotny: Das ist von Staat zu Staat unterschiedlich. Sie haben in Frankreich ein ganz anderes Österreich-Bild als in den USA oder in  Ägypten, wo ich begonnen habe.

Der Ägypter mochte uns.

Ja, bei jeder Veranstaltung, die wir in den 1970er-Jahren hatten, gab’s Jubler auf den Straßen: „Viva Austria“, „viva an-namsa“, „viva Kreisky“!

Die Franzosen mochten uns auch?

Dort  war ich überrascht, dass sehr viel sehr substanzielles Wissen über Österreich besteht. Das hat vielleicht damit zu tun, das wir einander über die Jahrhunderte ständig beobachtet haben.

Wir kamen mit Marie Antoinette bis Paris,  Napoleon kam bis Deutsch-Wagram.

Habsburg-Bourbon, Österereich-Ungarn und Frankreich – wir waren gelegentlich verbündet, gelegentlich verfeindet, aber wir haben einander immer angeschaut. Darum gibt es ein gutes und korrektes Wissen und wenig Klischees.

Das ist anders in den USA und Großbritannien?

Vor allem in Amerika gibt es nach wie vor das vorherrschende Österreich-Bild: Sound of music. Was  gar nicht schlecht ist.

Weil?

Hans Magnus Enzensberger hat gesagt „Ein gutes Klischee ist eine wahre Gabe Gottes“. Wenn man mit einem guten Klischee umgehen kann, kann man daran andere Botschaften knüpfen.

Und bei schlechten Klischees und Bildern?

In den USA und in Großbritannien haben, trotz grundsätzlich positiver Einstellung zu Österreich, immer die Schatten der Vergangenheit ein große Rolle gespielt. In den USA ging es immer eher um Österreichs Rolle im Nationalsozialismus, in England war es mehr die Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg an sich.

Da fällt die Affäre Waldheim hinein: Österreich war stolz auf „seinen“ UNO-Generalsekretär, und später war Österreich geächtet, weil sein Präsident seine Vergangenheit als Wehrmachts-Offizier geschönt bzw. verschwiegen hatte. So schnell kann’s gehen mit dem Image.

Ja, wobei es schon vorher einige Brüche gab in den 1980er-Jahren: Die Kunstgüter in Mauerbach („herrenlose“ Raubgüter aus der NS-Zeit, Anm.), wo wir in den USA massiv kritisiert wurden, die Affäre Frischenschlager-Reeder (FPÖ-Verteidigungsminister begrüßt aus italienischer Haft entlassenen früheren SS-Major und Kriegsverbrecher Walter Reder per Handschlag, Anm.). Waldheim brachte das Fass zum Überlaufen.

Aber er brachte Österreich auch eine Katharsis.

Das Bild  hat sich dann sehr stark verbessert, weil wir mit der Diskussion gut umgegangen sind bis hin zur Restitution (Washingtoner Erklärung) in der Ära Schüssel.

Wie war das Image Österreichs in EU-Europa, als wir 1994 beitreten wollten?

Da war die Hauptsorge: Wie beeinträchtigen neutrale Mitglieder in der Europäischen Union die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Da brauchten wir viel Überzeugungsarbeit, dass wir kein Interesse haben, die zu blockieren – und wir haben dann ja auch viel getan. Wirtschaftlich, kulturell waren wir dermaßen verbunden, da sind wir eigentlich in die EU hineingeschlüpft.

Die größte Überzeugungsarbeit brauchte es aber in Moskau.

Österreich hat in Russland immer ein sehr gutes Image gehabt – bis heute.  Aber: Die Europäischen Gemeinschaften waren damals für  Moskau noch eine Vorfeldorganisation der Nato mit wirtschaftlichem Mantel. Erst unter Gorbatschow kam eine andere Sichtweise, da nutzten wir die Gunst der Stunde.

Zehn Jahre vorher wäre ein EU-Beitritt nicht gegangen?

Nein.  

Österreich hat sich gerne als Vermittler, als Drehscheibe zwischen Ost und West gesehen – da haben wir uns schon gerne überschätzt, oder?

Wir bedienen da auch unsere eigenen Klischees. Wir haben schon eine wichtige Rolle gespielt in Zeiten des Kalten Krieges, im humanitären Bereich, in der Informationspolitik ...  

Aber der große Friedensstifter waren wir nicht.

Nein, und  dass wir uns jetzt ununterbrochen anbieten  und sagen, wir sind Brückenbauer und Vermittler, wo wir nicht einmal gefragt werden, das finde ich ein bisschen fragwürdig.

Und wie gewichtig werden wir in der EU wahrgenommen?

In der EU nutzen wir die Chancen, die wir hätten, nicht wirklich. Wir haben uns immer nur eingebracht in den Themen, die wir nicht wollen – wir wollen keine Lkw, wir wollen keine Nuklearenergie, wir wollen nicht mehr zahlen. Wir haben nicht  gesagt, was wir wollen. Da können die Kleinen viel mehr. Es kommt nur darauf an, welche Ideen man hat, wie man sie einbringt, mit wem man sie verbünden kann. Ob man eine Rolle am Rand haben will oder im Zentrum spielt. Ich denke, unsere Rolle wäre im Zentrum.

Was war das kurioseste Österreich-Bild, auf das Sie je trafen.

Ein kurioses Erlebnis hatte ich in New Orleans, wo bei einem Empfang die österreichische Hymne angekündigt wurde, und dann haben sie „Edelweiß“ gespielt.

Wenigstens  verjazzt?

Ja, ein bisserl.

Ist man als Botschafterin auch stolz auf Österreich.

Immer wieder. Dass uns die EU-Präsidentschaft 2006 so gut gelungen ist mitsamt der Gesprächsschiene zwischen Washington und Brüssel, darauf bin ich schon stolz. Oder wenn sie ein wunderbares Gastspiel der Wiener Philharmoniker begleiten.  

Stolze Gänsehaut trägt man also auch?

Ja natürlich.

Sie haben zu Zeiten als Botschafterin gearbeitet, da war eine Frau im Dienst noch nicht so üblich.

Als ich 1992 in Paris Botschafterin wurde, war ich zu meiner großen Überraschung im  diplomatischen Corps aus der ganzen Welt  die einzige Frau. Wenn Außenminister Alain Juppé die versammelten Botschafter begrüßt hat, sagte er „Messieurs les ambassadeurs“ (meine Herren Botschafter).

Wie kommt man sich da vor?

Ich habe dann  aufgezeigt, und er fügte ein schnelles  „et Mesdames“ (und meine Damen) an. Aber eigentlich war es  sehr nützlich, weil Sie dadurch natürlich auch auffallen. Inzwischen gibt es aber fast mehrheitlich Frauen in der Diplomatie.

 

Eva Nowotny, seit 1973 im diplomatischen Dienst, war Botschafterin u.a. in Washington, Paris, London. In der Waldheim-Ära war sie Beraterin der Kanzler Fred Sinowatz und Franz Vranitzky (beide SPÖ). Heute ist sie Vorsitzende im Universitätsrat der Uni Wien

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