© APA/AFP/Atomic Energy Organization of Ir/-

Politik Ausland
04/06/2021

Nur noch Monate bis zur Bombe: Iran treibt Atomprogramm voran

Neue Verhandlungen in Wien sollen das Atomabkommen mit Teheran retten. Die Zeit drängt.

von Konrad Kramar

"Zutiefst besorgt", für grundsätzlich zurückhaltende UN-Diplomaten ist das eine ziemlich starke Formulierung. Doch genau die benützten Vertreter der UN-Atomenergiebehörde IAEO, als sie kürzlich an ihrem Sitz in Wien über den Stand des iranischen Atomprogramms berichteten. Noch sind die Inspektoren der Atombehörde ja im Land, berichten routinemäßig - wie es eben der Atomwaffensperrvertrag vorsieht - von der Arbeit in den Atomanlagen des Iran. Doch diese Kontrollen sind von langer Hand angekündigt, unangemeldete und daher weit aufschlussreichere Besuche hat der Iran inzwischen verboten, die Grundlage dafür, das sogenannte Zusatzprotokoll zum Sperrvertrag aufgekündigt. 

Spuren von Uran entdeckt 

Und trotzdem hatten die IAEO-Inspektoren vor wenigen Wochen eine bedenkliche Entdeckung gemacht, angereichertes Uran an Orten, die nicht vom Iran offiziell deklariert worden waren. Fragen zu solchen bedenklichen Funden beantwortet Teheran ohnehin nicht.

Schnelle Zentrifugen 

Das alles ist Teil einer Strategie, die das Mullah-Regime verfolgt, seit der inzwischen abgetretene US-Präsident Donald Trump einseitig das in Wien 2015 beschlossene Atomabkommen aufgekündigt hat. Man will demonstrieren, dass man sich nicht mehr an die Verpflichtungen aus dem Abkommen gebunden fühlt. So sind es also nicht nur überraschende Funde von angereichertem Uran, die der IAEO Sorgen bereiten. Der Iran lässt inzwischen Zentrifugen zur Anreicherung von Uran laufen, die ein weit höheres Tempo fahren als die von der IAEO zugelassenen. Die einfache Folge: Die Anreicherung von Uran läuft viel schneller - und das spaltbare Material wird so in immer höheren Konzentrationen gewonnen. Etwas mehr als 3 Prozent Anreicherung sind für ein Atomkraftwerk notwendig, offiziell setzt es der Iran allein dafür ein. Doch inzwischen hat man große Mengen von höher angereichertem Uran angehäuft: 20 Prozent sind dokumentiert, 60 Prozent jederzeit möglich, wie Revolutionsführer Ali Khamenei kürzlich in Richtung Westen drohte - von dort ist der letzte Schritt zu 90 prozentigem Uran und damit dem Material für eine Atombombe nur noch ein Klacks.

US-Außenminister spricht von Monaten

Wie lange also würde der Iran damit noch brauchen, um tatsächlich genug Material für eine Atombombe zu besitzen. Die Angaben darüber sind  - auch aufgrund der spärlichen Faktenlage - nicht ganz einheitlich, doch sie haben einen klaren Trend: Sie werden immer kürzer. Dass Erzfeind Israel, der den Mullahs seit Jahren unterstellt, mit Vollgas an einer Bombe zu arbeiten, von sechs Monaten spricht überrascht weniger als die Einschätzung von US-Außenminister Antony Blinken: Der sprach neulich von drei bis vier Monaten und schloss sich damit der Analyse der skeptischsten Iran-Beobachter an. 

Raketen mit großer Reichweite 

Dazu kommt, dass der Gottesstaat nicht nur eifrig Uran anreichert, sondern auch noch den Bau von Raketen mit großer Reichweite vorantreibt. Vor wenigen Monaten startete die Feststoff-getriebene "Zuljanah", die bis zu 5000 Kilometer weit fliegt und damit alles von Europas Hauptstädten bis zu den Metropolen Chinas erreichen kann. 

Bereitschaft zum Einlenken 

Doch Teheran signalisiert auch sehr deutlich, dass man zum Einlenken bereit ist. Die vom iranischen Militär gebaute Zuljanah-Rakete etwa wurde eingesetzt, um einen Satelliten ins All zu bringen, militärische Tests wurden demonstrativ nicht gemacht. Außerdem wies Ali Khamenei seine Militärs an, keine militärisch verwendeten Raketen mit einer Reichweite über 2000 Kilometer zu testen. Außenminister Zarif, der auch die Verhandlungen zum Atomabkommen für den Iran führte, macht zugleich deutlich, dass man bereit ist zu Verhandlungen und letztlich zum Atomabkommen zurückzukehren: "All unsere derzeitigen Aktivitäten sind sofort umkehrbar und werden beendet, wenn sich alle Parteien an das Abkommen halten."

Position der Stärke

Teheran versucht sich in eine Position der Stärke zu hieven. Man habe Zeit darauf zu warten, dass die USA einlenken. Doch die wirtschaftliche Realität sieht anders aus. Die von Trump erneut verschärften Sanktionen gegen Teheran haben die ohnehin kaputte Wirtschaft des Landes weiter geschwächt, dringend notwendige Kooperationen mit europäischen Firmen mussten unter dem Druck aus Washington eingestellt werden. Es fehlt überall an moderner Technologie - und an grundlegenden Bestandteilen medizinischer Versorgung. Nicht nur die Corona-Krise, die den Iran besonders hart getroffen hat, zeigt das deutlich. Die Zeit drängt also, um den Iran aus einer existenziellen Krise zu holen, aber vollem um das Atomprogramm zu stoppen, wie der US-Atomwaffenexperte Jeffrey Lewis gegenüber dem Magazin Forbes erklärt: "Der Iran kann den Weg Nordkoreas gehen, also mit einem wachsenden atomaren Arsenal - oder er gibt sich damit zufrieden, die technischen Möglichkeiten dafür zu besitzen."

 

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