Nina Chruschtschowa entschuldigt sich für Putins Krieg - und kritisiert leise Kiew

Nina Chruschtschowa entschuldigt sich für Putins Krieg - und kritisiert leise Kiew
Die russische Politologin und Urenkelin des KP-Chefs kritisierte bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele die Praxis der Ukraine, russische Kunst zu vernichten, allerdings sehr vorsichtig.

Nina Chruschtschowa ist in Moskau geboren, lebt aber in den USA. Russland, ihre Heimat, analysiert sie von außen, als Professorin für Internationale Beziehungen an der New School University in New York, und ihre Urteile sind schon lange Zeit vernichtend: "Unabhängiges Denken wird in Russland brutal bestraft“, sagte sie jetzt auch bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele. "Ich möchte mich bei der Ukraine für diesen Krieg entschuldigen, im Namen der russischen Nation."

"Das wird den Krieg nicht beenden"

Die Urenkelin von KP-Chef Nikita Chruschtschow ist eine bekannte und feingeistige Putin-Kritikerin, und als solche war sie auch in Salzburg eingeladen. Dass sie sich nicht vor "unbequemen Einschätzungen und Szenarien scheut" und dem ",schlimmsten Barbar‘ als auch den taumelnden Demokratien einen Spiegel vorhält“, wie Intendant Markus Hinterhäuser sagte, bewies sie auf der Bühne: Freilich solle kein Russe der Ukraine vorschreiben, wie das Land mit seiner Geschichte umgehe. Aber dass die Ukraine per Gesetz erlaubt habe, russische und sowjetische Kunst und Denkmäler zu verbieten und zerstören, sei nicht "praktikabel", so ihre höfliche Wortwahl. 

Die Weigerung, sich mit der russischen Kultur zu beschäftigen, werde den "Krieg nicht beenden. Aber sie kappt aber eine Informationsquelle über Putins Ziele", sagte sie. Dementsprechend lobte sie auch, dass zur Eröffnung zwei Stücke russischer Komponisten gespielt würden, ebenso wie die zwei russischen Opern im Festspielprogramm - eine Praxis, die nicht alle internationalen Festivals pflegen.

"Orwell ist zu einem Handbuch zum Überleben geworden"

Putins Russland verglich Chruschtschowa mehrfach mit bekanten literarischen Dystopien. George Orwells "1984", das sie bei ihrem letzten Besuch in St. Petersburg auffällig oft in Schaufenstern gesehen habe, sei "zu einem Handbuch zum Überleben geworden", sagte sie. Ähnlich sei es mit dem "Tag des Opritschniks" von Wladimir Sorokin: Als er 2006 den Roman veröffentlicht habe, in dem das russischen Zarenimperium wieder auferstanden sei, hätten das alle als reine Fiktion abgetan. "Heute liest es sich wie die Realität."

Chruschtschowa, die - 1962 geboren - selbst in der Sowjetzeit aufgewachsen ist, erinnerte daran, dass „Kunst in der Unfreiheit noch wichtiger“ sei. "Kunst war Flucht in der Sowjetzeit", sagte sie, und das sei heute auch so - darum befinde sich der "Kreml im Krieg mit der Kunst." Diktatoren würden nur "Kulturka" lieben, eine Schrumpfform der Kultur.

Hätten die Machthaber ihre Lektion aus der Geschichte gelernt, dann würden sie keine Meisterwerke vernichten und keine Künstler hinrichten. Ihre Kraft entwickle Kunst ja dennoch: In den 1930ern schaffte es die Lyrikerin Anna Achmatowa, Stalin mit einem einzigen Gedicht in Rage zu versetzen, und Solschenizyns Archipel Gulag hatte "wohl mehr Anteil am Zusammenbruch der UdSSR als manche Politiker", sagte sie. Der Applaus dafür war groß.

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