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Politik Ausland
08/11/2019

Nach Epsteins Tod florieren politische Verschwörungstheorien

Trump macht Vorgänger Clinton für Tod des prominenten Häftlings verantwortlich. Wie der Fall Epstein zum Politikum wird.

von Dirk Hautkapp

Der Gefängnis-Tod des wegen sexuellen Missbrauchs minderjähriger Mädchen in New York angeklagt und inhaftiert gewesenen Multimillionärs Jeffrey Epstein (66) wird zum Polit-Krimi, in dem ausgerechnet Donald Trump Verschwörungstheorien verbreitet.

Der US-Präsident hatte mit dem aus Brooklyn stammenden Finanzunternehmer, der auf rund 500 Millionen Dollar Privatvermögen geschätzt wurde, in den 90er Jahren auf Partys verkehrt. Das beweisen Videoaufnahmen. Er bezeichnete Epstein damals als “großartigen Typen”, der “schöne Frauen genauso mag wie ich”. Später entzweiten sich beide, angeblich wegen eines Immobilien-Geschäfts in Florida.

Via Twitter verbreitete Trump an seine 62 Millionen Anhänger die laut Behörden substanzlose Spekulation des konservativen Entertainers Terrence K. Williams. Danach soll der frühere demokratische Präsident Bill Clinton beim Tod Epsteins die Hände im Spiel gehabt haben, um dessen Herrschaftswissen unter der Decke zu halten. Clinton, der die Vorwürfe über einen Sprecher als “lächerlich” bezeichnete, hatte mehrfach das Privatflugzeug Epsteins in Anspruch genommen.

Zweifel an Suizid

Epstein war am Samstagmorgen in seiner Zelle im “Metropolitan Correctional Center” in Manhattan, wo er auf seinen für Juni 2020 angesetzten Prozess wartete, leblos aufgefunden und kurz danach im Krankenhaus für tot erklärt worden. Als Todesursache wird laut US-Medien von den Behörden Selbsttötung durch Erhängen angegeben. Epsteins Umfeld zweifelt daran. Zuletzt habe der Junggeselle mit besten Verbindungen zu Politik, Adel und Hochfinanz bis zu zwölf Stunden am Tag mit seinen Anwälten seine Unschuld zu beweisen versucht, berichten New Yorker Zeitungen.

In sozialen Netzwerken überschlagen sich Spekulationen, Epstein könne Opfer eines Auftrags-Verbrechens geworden sein. Neben der Bundespolizei FBI hat auch Justizminister William Barr, der sich die Freitod-Theorie bisher nicht offiziell zu eigen gemacht hat, Untersuchungen eingeleitet. Barr zeigte “entsetzt” über den Tod des prominenten Gefangenen. Gerade angesichts der Vorgeschichte:

Epstein wurde bereits am 23. Juli in seiner Zelle bewusstlos mit Verletzungen am Nacken aufgefunden. Ob es sich um einen Selbstmordversuch handelte, ist offiziell nicht bekannt. Danach wurde Epstein auf “suicide watch” genommen wurde. Sprich: Rund-um-die-Uhr-Beobachtung. Diese Sonder-Behandlung wurde erst kürzlich aufgehoben. Warum und vom wem, das wird untersucht.

“Wenn ein Sträfling der Gefahr von Übergriffen durch Mithäftlinge oder Selbstmord-Gedanken ausgesetzt war”, sagten Justizexperten, “dann war es Jeffrey Epstein.” Klar ist, dass Epstein aus der Haft wollte. Er war bereit, 100 Millionen Dollar Kaution zu hinterlegen, um bis Prozessbeginn auf freien Fuß zu kommen. Ein Richter lehnte das ab: Fluchtgefahr!

"Sex-Monster mit Freunden in hohen Positionen"

Epstein war Anfang Juli von der Staatsanwaltschaft in New York wegen eines Falles verhaftet worden, der bereits zu den Akten gelegt schien. Er soll Anfang der 2000er Jahre bis zu 80 minderjährige Mädchen, manche sollen erst 14 gewesen sein, sexuell ausgebeutet und an Dritte vermittelt haben. Im Falle einer Verurteilung hätten ihm bis zu 45 Jahre Haft gedroht.

Trumps Arbeitsminister Alexander Acosta musste wegen der Causa Epstein zurücktreten. Er war 2008 Bundesstaatsanwalt und hatte Epstein bei einem einschlägigen Verfahren in Florida glimpflich davonkommen lassen. 13 Monate Haft, täglicher Freigang - danach musste sich Epstein als pädophiler Sextäter registrieren lassen. An seinem Status in der “High Society” änderte dies aber nichts.

Bis hartnäckige Rechercheure des “Miami Herald” mehrere Opfer Epsteins umfassend zum Reden brachten. So entstand das Bild eines “Sex-Monsters mit Freunden in hohen Positionen”, sagte ein Analyst im Fernsehen. Die Staatsanwälte in New York nahmen den Faden wieder auf.

Opfer-Anwälte fürchten, dass nach dem Tod Epsteins die Aufklärung zum Erliegen kommt und die Geschädigten keinen Frieden finden können. Die Staatsanwaltschaft in New York versicherte, dass die Ermittlungen weitergehen.

Dabei könnten erst gerade veröffentlichte Gerichtsunterlagen eine Rolle spielen. Virginia Giuffre, ein junges Opfer Epsteins, hatte 2016 ausgesagt, dass sie von Epstein missbraucht und an Prominente für sexuelle Dienstleistungen “ausgeliehen” worden sei. Unter den Genannten sind: Prinz Andrew, Mitglied des englischen Königshauses, ein Premierminister, ein früherer US-Gouverneur, zwei ehemalige US-Senatoren, ein inzwischen verstorbener Top-Wissenschaftler und reiche Finanzmagnaten. Einige der Beschuldigten haben die Vorwürfe bereits bestritten.

Ins Blickfeld der Fahnder gelangt mehr und mehr die Tochter des verstorbenen Londoner Verlegers Robert Maxwell, Ghislaine Maxwell. Sie soll Epstein über Jahre junge Mädchen zugeführt haben. Maxwell ist bisher nicht angeklagt. Ihr Aufenthaltsort ist unbekannt.