© Thomas Lechner

Kommunalwahlen
03/14/2020

Münchner mit Österreich-Wurzeln kandidiert für Oberbürgermeisteramt

Thomas Lechner, 58, hat kein Parteibuch und will mit sozialen Themen ins Rathaus einziehen. Dabei fällt sein Blick auch nach Wien.

von Sandra Lumetsberger

Bayern wählt diesen Sonntag neben Stadt-, Markt- und Gemeinderäten auch Oberbürgermeister: Insgesamt treten 13 Herausforderer gegen den Münchner Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) an. Darunter auch Thomas Lechner, 58 Jahre, parteilos und wie er sagt,"mit Migrationshintergrund". Er ist in Österreich geboren, seine Eltern kamen 1960 als Gastarbeiter aus der Oststeiermark nach München.

Das habe ihn insofern geprägt, als zu Hause kaum politisiert wurde, erzählt er im Gespräch mit dem KURIER. Der Vater meinte, "wir sind hier zu Gast, Politik geht uns nichts an“.

Das änderte sich, als seine Schule, das Ludwigsgymnasium im Stadtteil Sendling, eine Verordnung erließ; die Schüler streikten daraufhin. Lechner nahm erstmals an einer Demonstration teil, die er damals gleich mitorganisierte.

Bekannt als Demo-Organisator

Nach Österreich zu gehen, so wie es seine Eltern 1990 getan haben, war für ihn nie Thema. Lechner machte sich einen Namen als Veranstalter und DJ in der Kulturszene, Queer-Community, und Anfang 2018 als Organisator von großen Protestkundgebungen wie "Ausgehetzt". Dabei haben sich mehrere Initiativen und Bündnisse zusammengeschlossen. Sie warfen der Politik vor, Geflüchtete zu kriminalisieren und Ängste zu schüren. Bis zu 50.000 Menschen gingen im Juli auf die Straße. Ähnlich viele schlossen sich der "Ausspekuliert"-Demo an, die sich "gegen Mietwucher und soziale Ausgrenzung" aussprach.

Es sind auch diese Themen, die Lechner weiter antreiben - und ihn dazu führten, sich von der Straße Richtung Stadtrat zu engagieren. Wobei er sich nie als Parteigänger verstand. Auch jetzt will er vorerst kein Parteimitglied der Linken sein, für die er als Kandidat antritt. Er wurde 2018 von den zwei Kreissprechern der Partei angesprochen, darüber musste er nachdenken und fuhr erst einmal in den Weihnachtsurlaub zu seinem Vater in die Steiermark

Mehr politische Teilhabe schaffen

An seine Entscheidung ("spannende Option") knüpfte er aber Bedingungen: Er wollte nicht einfach das Gesicht für eine Kampagne sein, sondern mitreden und im Programm mitschreiben. Seine Vorstellung: Bürger sollen sich stärker an demokratischen Prozessen beteiligen können.

"Was ich nach den Wahlen oft vermisse, ist die Rückversicherung bei den Bürgern, etwa bei neuen Themen Gespräche zu führen." Es gibt bereits etwa Gremien für Migranten und behinderte Menschen, die werden zwar befragt und angehört, haben aber kein Stimmrecht. Lechner will verhindern, dass sich diese Menschen ausgegrenzt fühlen. Überhaupt wäre er der Meinung, dass zu wenig Partizipationsmöglichkeit, das Gefühl der Nicht-Teilnahme an politischen Prozessen den Rechten in die Hände spiele.

Sozialer Wohnbau wie in Wien

In puncto Wohnungsnot und Mietensteigerung attestiert er der bayerischen Hauptstadt Verhältnisse wie ein New York. Er will er, dass die Stadt städtischen Grund und Gebäude hält - "und so viel wie möglich zurückerwirbt, es wurden schon zu viel veräußert".

71 Landkreise und 2.056 Gemeinden wählen ihre Kreistage, Stadt-, Markt und Gemeinderäte für sechs Jahre neu. Auch die Landräte, Oberbürgermeister und Ersten Bürgermeister werden gewählt.

39.500 Mandatsträger werden neu bestimmt. Für die Parteien gibt es keine Fünf-Prozent-Hürde. Alle Kandidaten kommen in einen Gemeinde- oder Landtag, wenn sie selbst genügend Stimmen haben.

Erste Wahl trotz Coronavirus: Während in Österreich Wahlen abgesagt werden (Steiermark, Vorarlberg), finden sie in Bayern statt. Unklar ist, wie sich das auf das Wahlverhalten auswirken wird

Zudem will er den Bau von Sozialwohnungen vorantreiben. Und weil der Bezug zu Österreich nicht fern ist, schaut er dabei nach Wien, wo der soziale Wohnbau Tradition hat. Auch mit Blick auf den öffentlichen Nahverkehr gilt die österreichische Hauptstadt mit ihrem 365-Euro-Ticket als Vorbild. Im Idealfall sollte es in Zukunft kostenfrei sein, mit den Öffis durch die Stadt zu fahren, aber zuerst müssten die besser ausgebaut werden, erklärt er.

Ob er sich denn als Parteiloser auch von den Grünen hätte nominieren lassen? Lechner winkt ab. Das war für ihn kein Thema, "weil mir dort die soziale Frage zu wenig Rolle spielt". Bei der SPD wiederum würde für ihn das Thema Klimaschutz zu wenig behandelt.

Abgesehen davon macht es einem die Linke aktuell nicht einfach: Ein Parteimitglied, das bei einer Strategiekonferenz über "Erschießung von Reichen" schwadronierte, oder die Vorgänge um die umstrittene Ministerpräsidentenwahl in Thüringen - all das bekommt er an den Wahlständen zu hören. Zum einen gibt es zwar Zuspruch für Ramelows Handeln in Erfurt, aber auch Unverständnis, da selbiger kürzlich einen AfD-Vertreter zum Landtagsvizepräsidenten mitwählte - "das muss man mal den Menschen erklären", sagt Lechner. Auch vom Sager auf der Strategiekonferenz distanziert er sich, räumt ein, dass es in allen Parteien Leute gibt, die einen "Schmarrn" reden bzw. sich falsch ausdrücken.

Wenn München heute wählt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Amtsinhaber Reiter das Rennen macht, unabhängig davon, wie die Lage der Bundespartei ist. Eine INSA-Umfrage sieht ihn vorne. Für Lechner ist das Ziel, in den Stadrat zu kommen.

Dort wären der aktuellen Erhebung nach die Grünen stärkste Kraft (27 Prozent statt 16 Prozent 2014); dahinter kämen mit Verlusten CSU und SPD auf je 23 Prozent. 2014 erreichten sie noch 30,8 Prozent (SPD) und 32,6 Prozent (CSU). Dahinter kämen die AfD (sieben Prozent), FDP und die Linke mit vier Prozent und Bayernpartei und Freie Wähler (drei Prozent). Da es keine Fünfprozent-Hürde gibt lässt sich jetzt schon eines sagen; der Stadtrat wird auf jeden Fall gemischter.