Politik | Ausland
24.06.2017

Mossul: Scharfschützen schießen gezielt auf Kinder

Der IS steht in der irakischen Stadt kurz vor der Niederlage, doch vor allem die Zivilisten erleben in den letzten Tagen des Kalifats ein schreckliches Martyrium zwischen den Fronten.

Haus um Haus rücken die irakischen Streitkräfte in Mossul vor. Die Stadt, in der die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) vor drei Jahren ihr Kalifat ausrief, steht kurz vor ihrer Befreiung, das Kalifat vor seinem Untergang. Noch immer sitzen hunderttausend Zivilisten in der Altstadt in der Falle – überall lauert der Tod. Flüchtende werden von Scharfschützen des IS aufs Korn genommen, Luftangriffe der Anti-IS-Koalition machen keinen Unterschied, ob es sich um Terroristen oder unschuldige Menschen handelt. Mindestens 1300 Zivilisten fielen allein im Mai den Luftschlägen der US-geführten Koalition zum Opfer.

Schiefes Minarett in Mossul gesprengt: "Damit gesteht IS Niederlage ein"

Wer fliehen will, läuft Gefahr, in das Kreuzfeuer der Gefechte zu geraten, oder einem Attentat zum Opfer zu fallen. Am Freitag sprengte sich ein Selbstmordattentäter inmitten einer Gruppe von Flüchtenden in die Luft – mindestens zwölf Tote und dutzende Verletzte waren die Folge. Außerdem verfolgt der IS laut einem UN-Bericht eine unmenschliche Strategie, Zivilisten von der Flucht abzuhalten: Scharfschützen sollen gezielt auf flüchtende Kinder schießen. "Sie benutzen Kinder als Waffe, um Familien an der Flucht zu hindern", sagt Peter Hawkins, UNICEF-Beauftragter für den Irak. Trotzdem versuchen immer mehr Zivilisten, die umkämpften Gebiete zu verlassen – wenige überstehen dies unbeschadet. Medien berichten von Menschen, denen noch Schrapnellsplitter in Armen und Beinen stecken. Mehr als 700.000 Menschen wurden seit Februar aus West-Mossul vertrieben, die Flüchtlingslager sind heillos überfüllt. Ehe an den Wiederaufbau von Mossul zu denken ist, wird noch viel humanitäre Hilfe nötig sein – mehr als fünf Millionen irakische Kinder sind unterversorgt.

Menschen in Käfigen ertränkt

Drei Jahre lang trieben die Schergen der Terrormiliz ihr Unwesen in Mossul, besonders hart gingen sie gegen irakische Staatsbedienstete vor: "Sie haben einen Freund von mir, einen Polizisten, getötet, indem sie ihn zusammen mit anderen Menschen in einen Käfig gesperrt und im Tigris ersäuft haben", berichtet Mohammed, ein ehemaliger Richter, dem Magazin Middle East Eye. Er hat die Flucht einigermaßen gut überstanden und hilft den Streitkräften, geflüchtete Menschen zu überprüfen. Das Risiko, dass IS-Kämpfer unter den Flüchtenden sein könnten, ist hoch: Täglich kommt es zu Verhaftungen. "Die meisten jungen Männer, die nach wie vor in der Innenstadt sind, gehören zum IS", sagt ein irakischer Offizier – trotzdem überprüfe die Armee jeden Einzelnen gewissenhaft.

Dem 61-jährigen Najam ist die Flucht gelungen – auch wenn er bei einem Mörserangriff am Arm verletzt wurde. Vor zweieinhalb Jahren war er von Bagdad nach Mossul gereist, um seine Tochter herauszuholen. Doch der IS verbot ihm, die Stadt zu verlassen. "Wir haben es oft versucht, jedes Mal ließen sie uns nicht durch. Einige Male bestraften sie mich sogar dafür", sagt Najam.

Selbst wenn der IS zerschlagen sein wird, wird die Region nicht zur Ruhe kommen. Die mehrheitlich schiitischen Truppen der irakischen Armee und ihre iranischen Verbündeten haben Berichten zufolge grausame Taten an der sunnitischen Bevölkerung verübt, um sich für die Taten des sunnitischen IS zu rächen.